Abgebrochen und aus dem Hunsrück geflohen – Teil 237

Morgen ist es endlich soweit: Die Gewinnerin oder der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2026 wird in Frankfurt bekannt gegeben. Mit im Rennen ist auch noch der Romans Die Lücken von Shida Bazyar. Nach der Verlagsankündigung bin ich davon ausgegangen, dass ich das Buch geradezu verschlingen werde: eine kleine Gemeinde, rund 100 Jahre deutsche Geschichte und tiefe Analysen. Ich war sehr gespannt und freute mich auf das Werk. Es sollte aber ganz anders kommen.
Der Roman spielt in der fiktiven Kleinstadt Heimesbach im Hunsrück. Heimesbach war zur NS-Zeit ein regelrechtes „Musterdorf“: Schon 1926 gründete sich dort eine NSDAP-Ortsgruppe; man war früh stolz darauf, „judenfrei“ zu sein. Fast alle jüdischen Einwohner wurden deportiert und ermordet. Die heutigen Dorfbewohner leben in Häusern, die einst jüdischen Familien gehörten, und nutzen deren einstigen Besitz. Die Erzählung ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern als ein virtuoses Mosaik, das sich über fast 100 Jahre deutscher Geschichte erstreckt. Es verwebt die Schicksale von fünf verschiedenen Familien: Die Opfer und Profiteure der NS-Zeit: Jüdische Familien, die alles verloren haben, stehen den NS-Profiteuren gegenüber, die im Nachkriegsdeutschland einfach weitermachten, als sei nichts gewesen. Und die exiliranische Perspektive: In den späten 1980er-Jahren flüchten die Familien Sharifi und Karimpour aus dem Iran nach Deutschland und landen im Hunsrück. Sie versuchen, sich in Heimesbach eine neue Existenz aufzubauen, stoßen dabei jedoch auf die unsichtbaren, aber spürbaren Mauern der dörflichen Ausgrenzung. Zusammengehalten wird dieser über Jahrzehnte springende Roman von einer ganz besonderen Erzählstimme: Eine tote Ich-Erzählerin führt durch das Buch. Nach ihrem Ableben kehrt sie geistig nach Heimesbach zurück – an jenen Ort, den sie eigentlich hinter sich lassen wollte. Sie spricht im Monolog zu ihrer älteren Schwester Lu und beleuchtet so aus einer übergeordneten, melancholischen Meta-Perspektive die Kontinuitäten des dörflichen Lebens und Schweigens.
Mein erster Gedanke nach ein paar Seiten war: Wo ist das verdammte Personenregister. Bazyar wirft nicht nur mit Zeitebenen um sich, sondern auch mit Charakteren. Dazu springt sie völlig wild hin und her. Jedes Mal, wenn ich mich einer Person angenähert habe, war die Erzählerin wieder weg. Ich hatte gar nicht die zeit mich mit Protagonisten intensiv zu beschäftigen. Denn zwischen den Erwähnungen lagen so viele Seiten, dass meine Gedanken vom letzten zusammentreffen im Blätterwald verrauschten. Daher mein Tipp an gewillte Leser: Macht euch Notizen. Vielleicht hilft das.
Was Bazyar sehr gut eingefangen hat sind Stimmungen: ein Martinszug oder andere Straßenszenen. Alles hatte ich sehr genau vor Augen. Sie hat den Ton getroffen. Da ich aber keine Bindung zu den handelnden Personen aufbauen konnte und sie mir ehrlicherweise nach 200 Seiten noch immer völlig egal waren, habe ich mich aus dem Hunsrück verabschiedet. Vielleicht zu einer anderen Zeit nochmal. In jedem Fall nicht preisverdächtigt.



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