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Durchgelesen und piefiges Masuren entdeckt – Teil 240

berndhinrichs
1. Nov.
2 Min. Lesezeit

Das ich ein begeisterter Leser von Siegfried Lenz bin, wird schnell klar beim Blick in meinen Blog. Bei Deutschstunde eingestiegen und mich dann entlang der Erscheinungsweise der neuen Hamburger Werkausgabe gelesen. Seine Romane sind Produkte ihrer Zeit, wirkten aber auf keiner Seite angestaubt oder veraltet. Nun also So zärtlich war Suleyken – sein vermutlich bekanntester Erzählungsband.


Das 1955 erschienene Buch ist eine Sammlung von 20 humorvollen Kurzgeschichten. Schauplatz der Erzählungen ist das fiktive, abgelegene Dorf Suleyken in Masuren (Ostpreußen). Mit seinem Blick auf die Dorfgemeinschaft will Lenz eine Hommage an seine untergegangene Heimat. Er zeichnet das Porträt einer schon 1955 verschollenen Welt: den Masuren. Die Geschichten sind lose miteinander verbunden, da bestimmte Figuren immer wieder auftauchen. So beispielsweise Hamilkar Schaß, der Großvater des Erzählers, der erst im hohen Alter das Lesen gelernt hat und seitdem von Büchern (dem „Leseteufel“) regelrecht besessen ist . Oder der rasende Schuster Karl Kuckuck, der bekannt ist für seine teils absurden, rasanten Aktionen im Dorf. Aber nicht nur die skurrilen Personen, auch die Geschichten sind absonderlich. In „Duell in kurzem Schafspelz“ etwa, begegnen sich zwei Männer aus verfeindeten Nachbardörfern mit ihren Pferdeschlitten auf einem engen Waldweg. Weil keiner der beiden stur ausweichen will, verharren sie dort über Monate im Schnee, während sie von ihren jeweiligen Dorfbewohnern mit Essen versorgt werden. Erst als eine neue Bahnstrecke gebaut werden soll, werden sie mitsamt ihren Schlitten per Kran weggehoben.


So zärtlich war Suleyken erschien mitten hinein in die piefige und spießige Adenauer-Zeit. Der Zweite Weltkrieg war gerade zehn Jahre vorbei und niemand wollte an das Grauen erinnert werden. Fast scheint es so, als hätte Lenz – einer der kritischsten Stimmen des Nachkriegsdeutschlands – einen kommerziellen Erfolg schreiben wollen. Seine Geschichten in diesem Band spiegeln eine heile welt vor, sie sind in einer einfachen, unkomplizierten Sprache geschrieben und eigenen sich perfekt für einen der Buchklubs der damaligen Zeit. Vermutlich steht das Buch noch immer in vielen Wohnzimmern zwischen Flensburg und Berchtesgaden – direkt neben Ich denke oft an Piroschka von Hugo Hartung.


Ich bin mit Begeisterung in die Erzählungen gestartet und fragte ich nach 20 Seiten, ob das wirklich der Autor ist, der vorher Der Überläufer geschrieben hat. Ich weigere mich aus Ehrfurcht vor dem übrigen Werk des großen Autoren eine Bewertung abzugeben. Lasst einfach die Finger davon und gut!

 
 
 

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