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Durchgelesen und den Kunstmarkt kennengelernt – Teil 239

berndhinrichs
25. Okt.
2 Min. Lesezeit

Manchmal braucht es bei mir nur ein oder zwei Signalwörter im Klappentext. Bei Dave Eggers Roman Contrapposto war es der Kunstmarkt und die Beziehung über mehrere Jahre. Damit hatte mich der Verlag. Schon in der Buchhandlung war ich mir sicher, entweder ein Wow-Buch oder Schund. Das ich von Eggers vorher noch nichts gelesen hatte, machte mich zumindest skeptisch.


Robert wächst in einfachen Verhältnissen auf. Er verbringt viel Zeit bei seinem Großvater im Keller und stellt fest, dass er ein außergewöhnliches Zeichentalent besitzt. Der introvertierte junge wird Cricket genannt. Er trifft auf die ein Jahr ältere, wilde und exzentrische Olympia. Sie überredet ihn von ihr erdachte, teils vulgäre Beleidigungen in perfekter Kalligrafie auf die Spielplatzgeräte zeichnen. Dies ist der Startschuss für eine lebenslang andauernde Beziehung. Der Roman schildert über sechs Jahrzehnte hinweg in sieben zeitlich versetzten Abschnitten immer wieder die Begegnungen der beiden. Cricket bleibt dabei der idealistische, bodenständige Handwerker und Zeichner. Er verweigert sich den Mechanismen des kommerziellen Kunstmarkts. Die Leidenschaft fürs Malen und Zeichnen verlässt ihn nie. Seine finanzielle Unabhängigkeit sichert er sich mit Gelegenheitsjobs. Olympia hingegen lebt exzessiv. Sie sucht ständig nach dem nächsten Kick. Sie feiert große Erfolge als Kuratorin und Galeristin, verdient viel Geld und nutzt den Kunstmarkt als spekulative Bühne. Für Cricket ist Olympia die große Liebe – für sie hingegen ist alles ein Spiel, eine Suche nach dem nächsten kick. So werden sie parallel zueinander alt.


Ich habe etwas gebraucht, um in die Geschichte zu kommen. Eggers konfrontiert seine Leser nicht mit einer besonders tiefen oder schwierigen Sprache. Aber gerade der Beginn des Buches hatte für mich einige nicht ganz logische Wendungen. Beispielsweise starb der Großvater von Cricket, als er in der Schule war. Als er nach Hause kam, waren seine Mutter und seine Tante bereits dabei die Möbel des alten Herren zu verscherbeln. Bei solchen Stellen holpere ich immer.


Die klare und wenig herausfordernde Sprache von Eggers führt aber nicht dazu, dass Contrapposto ein emotionsloses Buch ist. Ganz im Gegenteil. Der Autor gibt nicht nur schöne Einblicke in das Geschäft mit der Kunst, er persifliert nicht nur die ganze Szene vortrefflich, vor allem gelingt ihm ein gefühlvoller Roman über zwei Menschen, die sich ihr ganzes Leben zueinander hingezogen fühlen: intellektuell und erotisch. Ich habe die Zeit mit Cricket und Olympia sehr genossen, habe viel wiedererkannt und mich in ihren Leben verloren.


Ich gebe 9 von 10 Galerien.

 
 
 

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