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Durchgelesen Buchenwald erlebt – Teil 215

  • berndhinrichs
  • vor 14 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit


Die Debatte um die Darstellbarkeit des Schreckens

Wie mit dem Unfassbaren umgehen? Theodor W. Adornos hatte dazu eine klare Meinung. Sein Diktum lautet: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Mit diesem Leitsatz kritisierte der Philosoph die Leichtigkeit, mit der Poesie nach dem Holocaust existieren könnte. Es gibt aber auch Gegenstimmen – zum Beispiel Paul Celan. Mit seiner Todesfuge zeigt er, dass Gedichte gerade erst jetzt möglich sind, um das Unfassbare zu benennen. Ein weiteres Beispiel für eine gelungene literarische Aufarbeitung ist der Roman Der Totenwald von Ernst Wichert.


Einzelschicksal und Entmenschlichung in Buchenwald

Der autobiografisch geprägte Roman schildert das Schicksal des Dichters Johannes. Die Handlung setzt im Jahr 1938 ein, als Johannes aufgrund seines Protests gegen die Nationalsozialisten von der Gestapo verhaftet wird. Nach einer Zeit der Ungewissheit in verschiedenen Gefängnissen folgt die Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald, das im Werk metaphorisch, als der „Totenwald“ bezeichnet wird. Mit der Ankunft im Lager beginnt für Johannes eine Phase der systematischen Entmenschlichung. Wiechert beschreibt eindringlich den Verlust der Identität durch das Scheren der Haare, das Tragen der Häftlingskleidung und die Ersetzung des Namens durch eine Nummer. Der Alltag im Totenwald ist geprägt von der mörderischen Arbeit im Steinbruch, ständigem Hunger und der unberechenbaren Willkür sowie den Sadismen der SS-Wachmannschaften. Johannes wird zum Zeugen des grausamen Sterbens seiner Mitgefangenen und der absoluten Abwesenheit von Recht und Menschlichkeit.


Der Widerstand des Dichters und die Rache des Regimes

Zunächst galt Wiechert wegen seiner Heimatverbundenheit und seiner konservativen Werte als Autor, den die Nationalsozialisten gerne für ihre „Blut-und-Boden“-Ideologie instrumentalisiert hätten. Wiechert verweigerte sich dieser Vereinnahmung jedoch zunehmend. Goebbels beobachtete Wiechert mit einer Mischung aus Bewunderung für dessen Talent und tiefem Zorn über dessen Eigensinn. Der Konflikt eskalierte 1938: Der Anlass: Wiechert protestierte schriftlich gegen die Inhaftierung des regimekritischen Pfarrers Martin Niemöller und kündigte an, seine Spenden für das Winterhilfswerk künftig direkt an die Familie Niemöller zu geben. Auf direkten Befehl von Goebbels und unter Billigung Hitlers wurde Wiechert verhaftet und für zwei Monate in das KZ Buchenwald eingeliefert. Goebbels wollte den populären Dichter „brechen“. Nach seiner Entlassung wurde Wiechert von Goebbels persönlich vorgeladen. Der Propagandaminister drohte ihm unverhohlen mit der physischen Vernichtung („ins Konzentrationslager bis an Ihr Lebensende und dort zum physischen Untergang“), sollte er sich erneut öffentlich gegen den Staat äußern. Von 1938 bis zum Ende des Krieges 1945 lebte Wiechert unter ständiger Überwachung durch die Gestapo in seinem Haus in Oberbayern. Er erhielt faktisch ein Publikationsverbot für regimekritische Stoffe. Während dieser Zeit schrieb er heimlich an „Der Totenwald“, vergrub das Manuskript in einer Blechkiste in seinem Garten.


Fazit: Ein schonungsloses Zeitdokument gegen das Vergessen

Der Totenwald ist sicherlich keine literarische Offenbarung. Es handelt sich um einen autobiografischen Text. Namen wurden geändert, aber das, was Wiechert schildert, entspricht der Realität und geht auf seine Erfahrungen zurück. Der Bericht ist nicht nach den üblichen Maßstäben zu bewerten. Es ist auch kein poetischer Text. Er ist auf weiten Strecken schwer zu ertragen. Man merkt Wiechert seine unmittelbare Betroffenheit an – ein Zeitdokument. Ich empfehle es allen Relativierern, allen „Ich habe damit nichts zu tun“-Menschen, allen Schülern im Geschichts- und Deutschunterricht sowie allen Leserinnen und Lesern. Ich gebe 10 von 10 Capos.

 
 
 

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