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Durchgelesen und unter Nazis ums Überleben gekämpft – Teil 222

  • berndhinrichs
  • vor 3 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Manchmal ist es ein Zufall, ein ansprechender Umschlag in einer Buchhandlung, ein viel beachteter Bestseller oder eine Empfehlung aus dem Freundeskreis. Doch die schönsten Entdeckungen macht man oft, wenn man sich auf die Expertise jener verlässt, die das Reich der Bücher am besten kennen: unsere Buchhändlerinnen und Buchhändler. Genau so erging es mir mit Ulrich Alexander Boschwitz' Roman Der Reisend. Eine liebe Kollegin legte mir das Werk ans Herz.


Der Roman Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz schildert die dramatische Flucht des jüdischen Geschäftsmanns Otto Silbermann aus Berlin in den Tagen nach den Novemberpogromen von 1938. Die Geschichte setzt am 9. November 1938 ein. Silbermann, ein angesehener Kaufmann und Veteran des Ersten Weltkriegs, sieht sich plötzlich gezwungen, sein bisheriges Leben aufzugeben. Während seine Wohnung zerstört und sein Geschäft konfisziert wird, trennt man ihn von seiner Familie. In seiner Not wird er von vermeintlichen Freunden um sein Haus und einen Großteil seines Vermögens gebracht. Mit nichts als einer Aktentasche voller Geld beginnt für Silbermann eine verzweifelte und ziellose Reise in Zügen quer durch Deutschland. Er klammert sich an die Hoffnung, eine Möglichkeit zur Ausreise zu finden, doch all seine Versuche scheitern. Auf seinen Fahrten wird er zum Beobachter der gesellschaftlichen Kälte, der Gleichgültigkeit der Masse, aber auch des vereinzelten Mitleids.


Schon mit Maria Leitners Roman Elisabeth, ein Hitlermädchen bin ich tief und authentisch in das alltägliche Leben zwischen 1933 und 1945 eingetaucht. Boschwitz tut das auch, aber aus einem anderen Blickwinkel: er ist Opfer der völkischen Ideologie der NS-Schergen. Boschwitz, 1915 in Berlin geboren, emigrierte 1935 zunächst nach Skandinavien und später nach England. Kurz nach Kriegsbeginn wurden Boschwitz interniert und nach Australien deportiert. Auf der Rückreise nach England wurde das Schiff, auf dem er sich befand von einem deutschen U-Boot torpediert. Boschwitz starb im Alter von nur 27 Jahren.

Diese Verknüpfung von persönlicher Betroffenheit und exzellenter Beobachtungsgabe machen das Buch zu einer eindringlichen und schwer zu verdauenden Leseerfahrung. Boschwitz stellt sich nicht vor oder denkt sich aus, wie man als Jude unter der nationalsozialistischen Regierung leiden musste, er hat es am eigenen Leib erfahren.


10 von 10 Aktentaschen

 
 
 

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