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Durchgelesen und über Kürze gestaunt – Teil 221

  • berndhinrichs
  • 26. Apr.
  • 2 Min. Lesezeit

Den Buchtitel fand ich von Anfang an langweilig: Lázár. Aber durch eine intensive Ausspielung auf Social Media konnte man sich dieser Neuerscheinung gar nicht entziehen. Und nachdem der Roman schon fast an mir vorbei rezensiert, gelobt und beschworen wurde, war es schließlich eine Buchhändlerin, deren eindeutiges Lob mich nun doch neugierig machte. Auf meine Intervention, ob ein schmaler Roman von nur rund 330 Seiten, diesen komplexen und umfangreichen Inhalt überhaupt abdecken könne, war ihre sofortige Antwort eindeutig: ja!


Der Roman Lázár von Nelio Biedermann, der im September 2025 erschien, erzählt die Geschichte der ungarischen Adelsfamilie von Lázár über drei Generationen hinweg. Die Handlung setzt mit der Geburt von Lajos von Lázár zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein und begleitet die Familie durch die turbulenten Ereignisse dieses Jahrhunderts, einschließlich des Untergangs der Donaumonarchie und der Sowjetisierung nach 1945. Die Familie kämpft darum, ihren Besitz und ihren sozialen Status in einer sich ständig verändernden Welt zu erhalten.


Eines vorweg: Der Roman hat einen Nachteil. Er ist definitiv zu kurz. Schadet das seiner Qualität? Nicht grundsätzlich, aber stellenweise im Detail. Beispiel: Die von Lázárs im zweiten Weltkrieg. Hier geht mir der Schritt von Adeligen hin zum funktionierenden Rädchen innerhalb der Vernichtung der ungarischen Juden zu schnell. Es fehlen längere Abschnitte der Selbstreflexion. Einzig an einer Stelle brennt sich dem Protagonisten der Zug entrechteter Juden in die Gaskammern nach Ausschwitz ins Gedächtnis ein. Das wirkt für mich zu sehr nach Hochglanz-Nazi – ein Abbild. Lajos war kein Überzeugungstäter, er war Mitläufer komplett ohne Gewissen.


Aber trotzdem wäre gerne mit Biedermann gerne noch weiter durch die Jahrhunderte geschlendert. Er hat eine wundervolle Sprache, einen mitreißenden Stil und wird deshalb auch als große neue literarische Stimme gefeiert. Zu Recht.


Der Buchhändler meines Vertrauens hat mir gesagt, dass Lázár der erfolgreichste Roman im letzten Herbst war. Auch mal schön zu sehen, wenn großangelegte Marketingkampagnen nicht nur den letzten literarischen Schrott unter die Leute bringen wollen. Neun von zehn Herrensitze.

 
 
 

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