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Durchgelesen und zur Zwangsarbeit verschleppt worden - Teil 234

berndhinrichs
30. Aug.
2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Aug.

Halleluja, die Longlist ist erschienen. Die Jury des deutschen Buchpreises hat mit der Longlist für einige Überraschungen gesorgt. Das weder Anja Kampmann mit Die Wut ist ein heller Stern, noch Im ersten Licht von Norbert Gstrein zu den Nominierten gehören, dafür aber Heinz Strunk, halte ich für ein deutliches Signals, was der Deutsche Buchpreis ist: Eine Marketingidee. Aber auch auf der diesjährigen Liste gibt es ein paar Perlen: Beispielsweise Nelka von Svenja Leiber.


Und darum geht´s: Im Jahr 1941 wird die 16-jährige Nelka, stammt aus Lemberg in der heutigen Ukraine, von deutschen Soldaten aufgegriffen und zur Zwangsarbeit nach Norddeutschland verschleppt. Sie landet auf einem Gutshof, wo sie gemeinsam mit anderen verschleppten Frauen unter härtesten Bedingungen arbeiten muss. Nelka bringt jedoch ein besonderes Wissen mit: Ihr Vater, ein jüdischer Apfelbaumwärter und Pomologe, hatte ihr alles über Obstbäume beigebracht. Dieses fundierte botanische Wissen rettet Nelka vorerst, denn sie plant für den Gutsverwalter Marten Wilhelmsen die Modernisierung und den Aufbau der Apfelplantagen. Durch ihre unentbehrliche Arbeit erhält sie einen gewissen Schutz vor der Gewalt des Gutsalltags und wird – gegen den Willen von Martens Ehefrau – im Haupthaus statt in den Baracken untergebracht. Dieser vermeintliche Komfort hat jedoch einen grausamen Preis: Nelka ist der ständigen Bedrohung und letztlich auch der sexualisierten Gewalt durch den Gutsverwalter Marten ausgeliefert. Nelka wird schwanger, kehrt nach dem Krieg nach Hause zurück und bringt eine Tochter zur Welt. Jahrzehnte vergeht. Der einstige Gutsverwalter Marten Wilhelmsen ist inzwischen ein alter, verwitweter Mann, der immer noch das erfolgreiche Gut führt. Die Ruhe wird jäh gestört, als er einen Brief von Nelka aus der Ukraine erhält: Sie kündigt ihren Besuch an.


Natürlich geht es in dem Roman um Schuld. Was ihn auszeichnet und er die Nominierung völlig zurecht bekommen hat, ist, dass er Täter und Opfer beleuchtet. Leiber lässt Nelka und Marten in Gedanken zu Wort kommen. Aber es sind Nellas eindrücke, die diesen Roman prägen. Ihre Erfahrungen, die sich in einem Ton voller Würde wiedergibt sind es, die diesen Roman so unwiderstehlich machen. Denn trotz der erlittenen Grausamkeiten zeigt der Roman Mut, Gefasstheit und leisen Widerstand. Er zeigt aber noch mehr. Er lässt Menschlichkeit zu, wo Barbarentum regiert, Freundschaft und Solidarität der Frauen untereinander. Ein Roman der Mut macht.


Der Roman verbindet feinfühlige Poesie mit historischer Härte zu einem eindrucksvollen Plädoyer gegen das Vergessen, das die Mechanismen von Verdrängung und persönlicher Schuld schonungslos offenlegt. Svenja Leibers Werk erweist sich als ein stilistisch brillantes und tief bewegendes Mahnmal. Ein würdiger Roman auf der Longlist.

 
 
 

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