Durchgelesen und an den Zionismus geglaubt – Teil 232
- berndhinrichs
- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Der Nahost-Konflikt. Kaum ein Krisengebiet füllt die täglichen Schlagzeilen so sehr – und das seit Jahrzehnten. Und je intensiver ich mich mit den Ursprüngen des Konfliktes beschäftige, umso schwieriger wird es, Recht von Unrecht zu trennen. Wer trägt Verantwortung? Welche Rollen spielen die USA und Europa und gibt es überhaupt eine Möglichkeit, den Konflikt für alle beteiligten friedlich zu beenden? Um diese existenziellen Fragen beantworten zu können, ist ein Blick in die Geschichte des Zionismus ein Anfang. Innerhalb der anderen Bibliothek im Aufbau Verlag ist das Buch Melting Point, Suche nach dem gelobten Land von Rachel Cockerell erschienen.
Bevor sich die zionistische Bewegung im Jahr 1948 mit der Gründung des Staates Israel durchsetzte, gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Reihe von alternativen, heute fast völlig vergessenen Plänen für ein jüdisches „Gelobtes Land“. Angesichts der brutalen Pogrome im zaristischen Russland suchten jüdische Intellektuelle händeringend nach schnellen, pragmatischen Zufluchtsorten. Hier setzt der historische Kern des Buches an – der Galveston-Plan (1907–1914). Die treibenden Kräfte hinter dieser Bewegung waren der berühmte britisch-jüdische Schriftsteller und Aktivist Israel Zangwill und sein engster Vertrauter David Jochelmann, der der Urgroßvater der Autorin war. Zangwill, der nach heftigen Debatten mit Theodor Herzl den Glauben an eine schnelle Besiedlung Palästinas verloren hatte, suchte weltweit nach Alternativen (unter anderem in Ostafrika, Kanada, Australien oder sogar der Antarktis). Schließlich einigte man sich auf ein unerwartetes Ziel: Galveston, eine Hafenstadt in Texas, USA.
Zwischen 1907 und 1914 überredete Jochelmann rund 10.000 russische Juden, nicht nach New York oder Jerusalem zu reisen, sondern per Schiff nach Texas auszuwandern. Von hier sollten die Migranten im Landesinneren der USA verteilt und ansiedelt werden.
Cockerell hat ihr Buch ist in zwei große Abschnitte unterteilt: Einerseits dem Aufstieg und Scheitern der Galveston-Bewegung und im Anschluss eine sehr persönliche, intimen Migrationsgeschichte von Rachel Cockerells eigener Familie. Sie folgt den Spuren der Jochelmanns über zwei Weltkriege hinweg – von Russland über das jüdische Theaterleben im New York der 1920er-Jahre, in ein großes, exzentrisches Haus im Norden Londons in den 1940er-Jahren (wo ihre Großmutter Fanny und ihre Großtante Sonia gemeinsam sieben Kinder großzogen) bis nach Israel.
Das Buch setzt sich als reine Zitat-Montage zusammen: Nach einem ersten, eher konventionellen Entwurf verwarf Cockerell ihre eigenen erzählenden Worte. Bis auf ein kurzes Vor- und Nachwort besteht das gesamte Buch ausschließlich aus einer Montage von Primärquellen. Sie webt Briefe, Tagebucheinträge, historische Zeitungsartikel, Reden, offizielle Dokumente und spätere Interviews zu einem vielstimmigen Chor zusammen.
Das Buch hat in der Mitte leider ein paar wenige Längen. Das komplette erste Drittel über den Galveston-Plan hat mich sehr beeindruckt. Das war packend, hochspannend und informativ. Dann folgte der Einblick ins New-Yorker-Künstlermilieu. Auch hier hing ich an jedem Wort, tauchte ein und ließ mich auf den Broadway entführen. Der Teil über London in den 1940er fand ich dagegen etwas langwierig. Familienleben in einer Großfamilie: Wer konnte kochen, wer nicht? Welche Kinder spielten gerne zusammen. Das war mir zu weit weg. Fasziniert hingegen hat mich wieder der Schluss des Buches, in dem es um das Recht der Juden ging, sich in Palästina niederzulassen und die dort lebenden Araber zu vertreiben.
Trotz der langatmigen Londoner-zeit würde ich das Buch mir auf vielen Nachttischen wünschen. Es wirft am Ende zwar nur wieder mehr fragen auf, aber jedes Wissen um Israel und Palästina – und sei es noch so gering – mag am Ende den Anstoß für mehr Verständnis geben. Acht von zehn Pessachs.



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