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Durchgelesen und im Zeitenwandel das Gleichgewicht verloren – Teil 235

berndhinrichs
vor 5 Tagen
2 Min. Lesezeit

Man kommt heute kaum noch an ihnen vorbei: Leute, die sich in einer Dauerschleife aus Nostalgie verlieren und sich gegenseitig mit Nachrichten darüber zuspammen, wie viel besser beispielsweise das Leben vor vierzig Jahren, in den 1980er-Jahren angeblich war. Diese Panik vor dem Neuen und die Sehnsucht nach der vermeintlich geordneten Welt von gestern kann man nervig finden – oder man wirft einen Blick in die Literaturgeschichte. Denn Thomas Mann hat genau diesen ewig Gestrigen und ihrer Angst vor dem Kontrollverlust in seiner Novelle Unordnung und frühes Leid eine verdammt hellsichtige und meisterhafte Erzählung gewidmet.


Im Zentrum steht der Geschichtsprofessor Abel Cornelius, ein Mann des alten Schlags, der mit seiner Familie in einer eleganten Münchner Vorstadtvilla residiert. Es ist die Zeit der Hyperinflation in der Weimarer Republik, eine Ära, in der gesellschaftliche Konventionen ebenso an Wert verlieren wie das Geld. Seine älteren Kinder, Bert und Ingrid, geben eine Party – ein Fest der neuen Generation, das für den Professor zu einer Studie des Befremdlichen wird. Die jungen Leute sind laut, ihre Manieren sind lax, und sie tanzen den Shimmy. Für Cornelius ist es eine Welt der Unordnung, der er mit einer Mischung aus ironischer Distanz und heimlicher Faszination begegnet. Sein wahrer Anker in diesem Chaos ist seine jüngste, fünfjährige Tochter Lorchen, für die er eine tiefe, fast schmerzliche Zuneigung empfindet. Doch als Lorchen sich auf der Party in einen jungen Studenten verliebt und untröstlich ist, als dieser gehen muss, bricht das frühe Leid in die Idylle ein – ein kleiner, aber tiefer Schmerz, der die Zerbrechlichkeit des Glücks offenbart.


Was diese Novelle so brillant macht, ist ihre stark autobiografische Prägung. Thomas Mann hat hier, kaum verhüllt, seine eigene Familie porträtiert: sich selbst als den zwischen seinen konservativen Werten und der neuen Zeit zerrissenen Professor, seine älteren Kinder Klaus und Erika als das exzentrische Geschwisterpaar Bert und Ingrid, und seine jüngste Tochter Elisabeth als das engelsgleiche Lorchen. Es ist ein faszinierender, fast schonungsloser Einblick in die emotionalen Verhältnisse der Familie Mann und in den inneren Konflikt eines Vaters, der die Jugend bewundert und zugleich fürchtet. Mann seziert mit seiner gewohnt präzisen und eleganten Prosa das Spannungsfeld zwischen der alten, bürgerlichen Ordnung und der aufkommenden, chaotischen Moderne.


Letztlich ist "Unordnung und frühes Leid" weit mehr als nur ein Zeitporträt der 1920er Jahre. Es ist eine zeitlose Erzählung über den universellen Konflikt der Generationen, über die bittersüße Entdeckung der ersten eigenen Gefühle und über die stille Verzweiflung, die einen überkommen kann, wenn man spürt, dass die eigene Welt unaufhaltsam untergeht. Ein kleines, aber ungeheuer dichtes Meisterwerk.


Wertung: 10 von 10 Professorenhüten.

 
 
 

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