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Durchgelesen und auf Schatzsuche gewesen– Teil 233

berndhinrichs
16. Aug.
3 Min. Lesezeit

Ich habe nie zu den Kindern gehört, die heimlich unter der Bettdecke lesen mussten. Ich habe meine Eltern entweder frühzeitig gehört oder sie hatten nichts dagegen, wenn ich noch lange las. Aber ich habe mir immer einen imaginären Freund vorgestellt, der nachts heimlich unter der Bettdecke lesen musste – natürlich Abenteuergeschichten. Als ich mir in einem Antiquariat jüngst den Klassiker von B. Traven Der Schatz der Sierra Madra zulegte, wusste ich gleich, dass ist so eine Abenteuergeschichte für unter die Bettdecke – und dabei ist der Roman, wie immer bei Traven, so viel mehr.


Die Geschichte beginnt im staubigen, heißen Tampico der 1920er-Jahre. Hier treffen wir auf die beiden US-amerikanischen Auswanderer Fred C. Dobbs und Bob Curtin. Sie sind gestrandete Glücksritter, die sich mit Gelegenheitsjobs für wenige Pesos durchschlagen, auf den Straßen betteln und in schäbigen Absteigen übernachten. Sie sind hungrig, abgebrannt und vom harten Leben im mexikanischen Exil frustriert. In einer dieser Unterkünfte lernen sie den alternden Goldsucher Howard kennen. Howard ist ein Mann, der das Goldfieber in- und auswendig kennt. Sie kratzen ihr letztes Geld zusammen, kaufen Werkzeuge, Lebensmittel sowie Esel und brechen gemeinsam mit Howard als Führer in die unwegsame Wildnis der Sierra Madre auf. Und tatsächlich: Sie werden fündig. Als die Mine erschöpft ist, packen sie ihre Sachen, um die Heimreise anzutreten. Unterwegs kreuzt das Schicksal ihren Weg in Form einer Gruppe einheimischer Indigener. Ein Kind im Dorf schwebt in Lebensgefahr. Howard, der die Natur und die Menschen Mexikos zutiefst respektiert, gelingt es, das Leben des Jungen zu retten. Die dankbaren Dorfbewohner lassen ihn nicht fort und ernennen ihn zu ihrem verehrten Medizinmann und Ehrengast. Er übergibt Dobbs und Curtin seine Esel und seinen Anteil des Goldes mit dem festen Versprechen, dass sie seinen Schatz sicher nach Tampico bringen. Kaum sind die beiden Männer mit den Eseln allein im Wald, eskaliert die Situation zwischen Dobbs und Curtin dramatisch.


Das literarische Phänomen B. Traven gehört zu den faszinierendsten und am besten gehüteten Mysterien der modernen Literaturgeschichte. Obwohl seine Romane weltweite Bestseller wurden, verweigerte er zeit seines Lebens jede Preisgabe seiner Identität. Er trat nie öffentlich auf, ließ sich nicht fotografieren und verhandelte mit seinen Verlegern ausschließlich über Deckadressen oder angebliche Agenten. Diese radikale Anonymität bot jahrzehntelang Raum für die wildesten Spekulationen – vom unehelichen Sohn des deutschen Kaisers Wilhelm II. bis hin zu der Theorie, hinter dem Namen stehe ein ganzes Kollektiv von Autoren. Die heute in der Literaturwissenschaft am meisten anerkannte und wahrscheinlichste Theorie besagt, dass es sich bei B. Traven um den deutschen Anarchisten, Schauspieler und Schriftsteller Ret Marut handelte.


Wer sich auch immer hinter Traven steckt, in jedem Fall handelt es sich um einen intelligenten Menschen, der die sozialen Missstände aufdeckt. Seine sozialkritische und sozialistische Weltanschauung ist kein nachträglich hineininterpretierter Aspekt, sondern das eigentliche Fundament, auf dem seine Romane ruhen. Der Roman ist im Kern eine tiefgründige, parabelhafte  Kritik am kapitalistischen System und der Entfremdung der Arbeit: Obwohl Dobbs, Curtin und Howard in der unberührten Natur arbeiten, bauen sie dort im Kleinen genau das System auf, dem sie in der Stadt entkommen wollten: eine Fabrik. Der Roman zeigt wie unter einem Mikroskop, wie das Konzept des Privateigentums den Menschen korrumpiert und die Solidarität zerstört. In der marxistischen Theorie beschreibt der Begriff des Warenfetischismus, dass Dingen ein mystischer Wert beigemessen wird, den sie von Natur aus gar nicht besitzen. Traven führt diesen Fetischismus am Ende des Romans ad absurdum: Das Gold, für das Dobbs getötet hat und für das alle drei ihre Menschlichkeit opferten, wird von den Banditen nicht als solches erkannt. Für sie ist es nur „wertloser Schmutz“, den sie im Wind verwehen lassen.


„Der Schatz der Sierra Madre ist kein einfacher Abenteuerroman, sondern eine bittere Parabel über die moralische Selbstzerstörung des Menschen im Kapitalismus. Traven zeigt uns, dass der wahre Schatz nicht im Staub der Berge liegt, sondern in der wiedergewonnenen Solidarität und Freiheit von der Gier.

 
 
 

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