Durchgelesen und als Farmer in Afrika geendet – Teil 217
- berndhinrichs
- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Jeder hat sie ja – diese Bücher der Weltliteratur, die man „unbedingt“ gelesen haben sollte. Sie stehen seit Jahren auf Listen, wandern von Regal zu Regal, werden ehrfürchtig erwähnt und doch immer wieder verschoben. Man kennt ihren Ruf, ihre Bedeutung, ihre literarische Schwere – aber nicht ihren Klang. Tania Blixens Afrika dunkel lockende Welt, unsterblich verfilmt als Jenseits von Afrika ist so ein Buch für mich. Zumindest der erste Satz Ich hatte eine Farm in Afrika hat die gleiche Mystik wie Nennt mich Ismael aus Moby Dick.
In ihrem Werk beschreibt Blixen den Alltag auf ihrer Plantage in Kenia in der Zeit zwischen 1914 und 1931. Sie schildert episodenhaft den Aufbau und die Bewirtschaftung der Kaffeefarm unter schwierigen klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen, blickt auf die Zusammenarbeit mit afrikanischen Angestellten, darunter Verwalter, Hauspersonal und Feldarbeiter, die Organisation von Arbeit, Rechtsprechung bei Konflikten unter Arbeitern und medizinische Versorgung und legt die Auseinandersetzungen mit Behörden, Banken und wirtschaftlichen Problemen dar. Alles wird in ganz konkrete Episoden wiedergegeben: Streitfälle zwischen Einheimischen, Krankheitsfälle, Jagdausflüge, Besuche von Nachbarn sowie Erlebnisse mit wilden Tieren wie Löwen oder Antilopen. Mehrere Kapitel widmen sich einzelnen Persönlichkeiten, wie beispielsweise ihrem somalischen Haushofmeister, Farah, der eine zentrale Vertrauensperson ist. Oder Kamante, ein junger Kikuyu, der von Blixen medizinisch behandelt wird und später als Koch für sie arbeitet. Und natürlich Denys Finch Hatton, britischer Großwildjäger und enger Freund Blixens, mit dem sie eine persönliche Beziehung verbindet.
Blixen galt mehrfach als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis, das versetzt mich in Erstaunen. Zwar hat ihr Text eine wundervoll gewaltige Sprache, ihre Schilderungen von Land, Leuten und Natur sind eindrucksvoll, aber sie offenbaren vor allem eines: Die arrogante Sicht einer Europäerin aus der gehobenen Schicht auf die indigene Bevölkerung Kenias. Alles hat die koloniale Perspektive. Sie spricht offen darüber, dass ganze Stämme dreckig sind, während ihr Denys Finch Hatton ein so warmherziger Mann sei. Ich bezweifle, dass die ganzen Massen, die sich den Spielfilm von Sydney Pollack aus dem Jahr 1985 mit Meryl Streep und Robert Redford angeschaut haben, je ein Blick in das Buch geworfen haben. Ja, der Hatton im Film macht sich zwar über Blixen lustig, die nach Afrika kommt und sich Sorgen um ihr Porzellan macht. Und ja, die Blixen im Buch, mag zwar eine der „guten“ Kolonialisten sein, aber sie ist hochgradig rassistisch. Afrikaner kommen bei ihr immer wie kleine oder große Kinder vor, die vom Lauf der Welt keine Ahnung haben und ohne europäischen Einfluss völlig aufgeschmissen wären.
Sprachlich ist das Werk herausragend, vielleicht sogar Weltliteratur. Inhaltlich offenbart es die tiefe europäische Überheblichkeit des Imperialen Zeitalters. Fünf von zehn Antilopen.



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