Durchgelesen und aus dem langsamen Fluss einer Ehe aufgetaucht - Teil 223
- berndhinrichs
- 17. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Irgendwann im Leben werden die Abzweigungen weniger. Man blickt zurück auf Entscheidungen, Beziehungen, versäumte Möglichkeiten – und ertappt sich bei dem Gedanken, dass vieles nun wohl festgeschrieben ist. Gerade in Liebesdingen schleicht sich mit den Jahren eine leise Resignation ein. Bodo Kirchhoff hält wenig von dieser Vorstellung. Sein neuer Roman Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt erzählt von zwei Menschen jenseits der siebzig, die feststellen müssen, dass selbst nach fünfzig gemeinsamen Jahren noch einmal alles ins Rutschen geraten kann. Und natürlich geht es auch diesmal wieder um Frauen, an denen Männer scheitern – oder zu scheitern glauben.
Viktor Goll, genannt Vigo, war einst Leiter einer Denkfabrik für Abrüstung, seine Frau Terese Weiler arbeitet als Kinder- und Jugendtherapeutin. Ihre Ehe hat Jahrzehnte überdauert – Vertrautheit, Routine, gemeinsamen Erinnerungen –, ist aber zugleich erstarrt in Verletzungen, unausgesprochenen Vorwürfen und dem Gefühl, den anderen nur noch aus der Distanz zu erreichen. Als Vigo allein nach Indien reist, folgt ihm Terese wenig später. Offiziell aus Sorge, tatsächlich aber auch, um herauszufinden, ob diese Beziehung überhaupt noch tragfähig ist. Während Vigo versucht, ihre gemeinsame Geschichte festzuhalten und zu verstehen, beginnt Terese sich innerlich von ihm zu lösen. In Indien begegnet sie einem jüngeren Inder, zu dem sie sich hingezogen fühlt. Aus der Begegnung wird eine Affäre, die für sie weit mehr ist als ein Seitensprung: eine Erfahrung von Aufmerksamkeit und Körperlichkeit, die ihr in der Ehe abhandengekommen ist. Gleichzeitig wird ihr klar, wie weit sie sich emotional bereits von Vigo entfernt hat. Vigo wiederum erkennt zunehmend, dass sein Blick auf Terese immer ein verkürzter gewesen ist. Als sie ihn auffordert, sie endlich wirklich zu sehen, beginnt er, einen Roman aus ihrer Perspektive zu schreiben. Dieses Schreiben wird zum Zentrum der Erzählung: der Versuch, eine Frau zu verstehen, die ihm zugleich vertraut und fremd geworden ist.
Was mir gefallen hat bei Kirchhoff ist die Langsamkeit seiner Erzählung. Klingt langweilig? Ist es aber nicht. Kirchhoff nimmt uns mit auf einer Reise in die Psyche zweier Menschen, die eine halbe Ewigkeit miteinander verbracht haben. Langsamkeit wird da zum Qualitätsmerkmal des Autors. Er muss sich und uns Zeit geben, die Protagonisten richtig kennenzulernen. Kirchhoff nimmt sich die Zeit. Wir schuckeln gemächlich im Taxi durch Mumbai, erleben Tischgespräche, Liebesnächte, Exotik und versinken immer tiefer in die Gedanken einer suchenden Frau – aus dem Blickwinkel ihres Mannes.
Ein intensiver Roman über Nähe, Distanz und die Frage, ob sich ein gemeinsames Leben nach fünfzig Jahren noch einmal neu betrachten lässt. Bodo Kirchhoff gelingt dabei eine ruhige, oft eindringliche Erzählbewegung. 8 von 10 Kübelpflanzen.



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