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Durchgelesen und die Probleme des Sudan verstanden – Teil 229

  • berndhinrichs
  • 5. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Ich weiß nicht, wer sich noch an Fürstin Gloria von Thurn und Taxis erinnert. Diese Intelligenzverweigerin äußerte 2001 in der ARD, dass Aids in Afrika grassiere, „weil der Schwarze gerne schnackselt“. Nun könnte man meinen, dass ist halt die Gedankenwelt einer dummen Rassistin. Aber es ist erstaunlich, wie viele Vorurteile es bei Europäern gegenüber Afrika immer noch gibt. Beispielsweise wird in Europa auch gerne von dem Afrikaner gesprochen. Nur zur Erinnerung, Afrika ist rund drei Mal so groß wie Europa, hat rund 1,5 Milliarden Einwohner, unzählige Ethnien, Sprachen und Gesellschaften. Unter Verleugnung des Kolonialismus heißt es auch immer wieder, dass an ihrem Elend die Afrikaner selber schuld seien. Vielleicht ist es meine Wut über diese Denkweisen, die mich immer wieder zu Literatur aus Afrika greifen lässt. Letztes Beispiel: Stella Gaitano "Eddos goldenes Lächeln".


Der Roman verknüpft die tragische Geschichte des Sudan und des heutigen Südsudan anhand der Lebensgeschichten von zwei Generationen von Frauen. Im Mittelpunkt steht zunächst Lucy. Sie wächst in einem kleinen südsudanesischen Dorf auf und ist das einzige von zehn Kindern ihrer Mutter Eddo, das überlebt hat. Nach dem Tod ihrer Mutter heiratet Lucy den Mann Marco und flieht mit ihm vor dem Bürgerkrieg in die Hauptstadt Khartum. Hier kommen sie bei Peter und seiner Frau unter. Peter ist Offizier in der sudanesischen Armee. Seine Familie ist privilegiert und genießt die Errungenschaften der modernen Zivilisation. Lucy ist zunächst ein Fremdkörper im Haus, der sich immer mehr in die Hausgemeinschaft integriert. Aber der Konflikt des Sudan, der arabische Norden gegen den afrikanischen Süden, erreicht auch Khartum.


Gaitano stammt aus dem Südsudan und lebt mittlerweile in Deutschland. Sie erzählt die Geschichte ihres Landes und dort die Geschichte der Frauen in ihrem Land. Ihre exaktes Porträtieren der handelnden Personen lassen darüber hinweggucken, dass ihre Dialoge mitunter etwas hölzern wirken. Im Mittelpunkt stehen starken Frauen, die sich an Genitalverstümmelungen gewöhnt haben. Stellen im Buch, die schwer zu ertragen sind. Das Buch fokussiert sich stark auf das Leid, aber auch auf die immense Resilienz und Kraft von Frauen in Zeiten von Krieg und Vertreibung.


Großartig ist der ständige Perspektivenwechsel des Romans. Während die erste Hälfte des Buches von einem allgemeinen Erzähler geschildert wird, wechselt in der zweiten Hälfte in jedem Kapitel der Ich-Erzähler. So bekommen wir detaillierte Einblicke in die Gedankenwelt jeder der handelnden Personen. Gaitano beleuchtet in ihrem Erstlinswerk Alltag und Gesellschaft auf diese Weise auf sehr unterschiedliche Art.


Der Roman schildert intensiv den harten Kontrast zwischen dem ländlichen Süden und der Metropole im Norden, die Zerrissenheit der Identitäten, den Rassismus und die sozialen wie religiösen Spannungen. Trotz der schweren politischen Themen ist das Buch voller Poesie und Farbigkeit. Neun von zehn Dschallabija.

 
 
 

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