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Durchgelesen und Tarzan XXL erlebt – Teil 230

  • berndhinrichs
  • 19. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Ein monumentaler neuer Prachtband des Taschen Verlags ist der perfekte Anlass, um auf eine der schillerndsten Legenden der Comic-Geschichte zurückzublicken, denn kaum eine ist so paradox wie die von Tarzan, dem Herrn des Dschungels. Sein Siegeszug, der das Genre des Abenteuercomics für immer definieren sollte, wurde von zwei Männern eingeleitet, die unterschiedlicher nicht sein konnten – und die ihre größte Schöpfung anfangs verachteten oder nur als Mittel zum Zweck sahen.


Da wäre zunächst Edgar Rice Burroughs. 1911 war er mit 35 Jahren am Ende. Mit einer Frau und zwei Kindern am Rande der Armut stehend, suchte er nach einem letzten Strohhalm. Fündig wurde er in den damals omnipräsenten Billigmagazinen, den Pulp Magazines. Nach einer ersten, überraschend erfolgreichen Science-Fiction-Story widmete er sich seinem nächsten Projekt: einer Geschichte über einen Jungen, der von Affen im afrikanischen Dschungel aufgezogen wird. Im Oktober 1912 erschien „Tarzan of the Apes“. Tarzan wurde durch den Abdruck in einer New Yorker Zeitung zum Phänomen. 1914 erschien endlich das Buch und machte Burroughs schlagartig reich.


Während Burroughs seinen Reichtum genoss, kämpfte in Chicago ein anderer Mann um seine künstlerische Anerkennung: Harold „Hal“ Foster. 1892 in Halifax, Kanada, in ärmliche Verhältnisse geboren. Er wurde zum vollendeten Autodidakten. Foster verstand sich als ernsthafter Künstler und blickte mit Verachtung auf Zeitungscomics herab. Doch der wirtschaftliche Druck durchkreuzte seine Pläne. 1928 suchte eine Werbeagentur einen Zeichner für die Comic-Adaption von Burroughs' Erfolgsroman. Foster war alles andere als begeistert. Widerwillig nahm er den Auftrag an, einen einmaligen, 60-tägigen Strip zu zeichnen.


Was er ablieferte, war eine Sensation. Er trieb seine Geschichte nicht voran als Synthese von Bild und Text. Revolutionär war eher die Art zu zeichnen. Mit einer dramatischen Helldunkel-Technik (Chiaroscuro), die an klassische Radierungen erinnerte, und einem für die damalige Zeit beispiellosen anatomischen Realismus, schuf er keine Karikaturen, sondern packende, fast filmische Illustrationen. Nach den 60 Episoden hatte Foster genug. Er kündigte und wandte sich wieder der „seriösen“ Illustration zu. Die wirtschaftliche Not nötigte ihn, zum zweiten Mal bei Tarzan einzusteigen. Fosters zweite Runde mit Tarzan markierte die eigentliche Geburtsstunde des modernen Abenteuercomics. Er begann, den Druckereien detaillierte, voll aquarellierte Farbführer mitzuschicken – eine absolute Neuerung, die der Serie eine bis dahin ungesehene atmosphärische Tiefe und einen malerischen Charakter verlieh.


Angespornt durch begeisterte Fanpost, riss er die kreative Kontrolle an sich. Er verpasste Tarzan eine moderne Frisur und den heute ikonischen Lendenschurz. Er führte epische, über Monate und Jahre laufende Handlungsbögen ein. In der berühmten „Ägypten-Sequenz“ (1932–1934) konnte er seine ganze Leidenschaft für historische Recherche, exotische Architektur und detailverliebte Kostüme ausleben. Er definierte im Alleingang ein neues Vokabular für das Genre: dynamische Bildkompositionen, dramatische Perspektiven und eine Erzählweise, die den Leser tief in die fantastischen Welten hineinzog.


Wie bahnbrechend diese sechs Jahre zwischen 1931 und 1937 wirklich waren, ist heute so greifbar wie nie zuvor. Der Taschen Verlag hat mit „Hal Foster’s Tarzan: The Complete Sunday Comics 1931–1937“ ein monumentales Denkmal für genau diese entscheidende Schaffensphase gesetzt (Hardcover, 34,4 x 44 cm, 4.39 kg, 392 Seiten). Diese XXL-Ausgabe ist weit mehr als nur ein Nachdruck. Sie beinhaltet alle 292 ganzseitigen, farbigen Tarzan-Sonntagsseiten, die das Bild der Figur bis heute prägen.


In einem aufwendigen Prozess, der Jahre dauerte, wurden die Original-Sonntagsseiten nicht von vergilbten Zeitungen, sondern von den bestmöglichen erhaltenen Druckvorlagen digital restauriert. Zum ersten Mal seit den 1930er Jahren wurden Fosters originale Farbführer als Referenz herangezogen, um die Kolorierung in ihrer ursprünglichen Brillanz wiederherzustellen.


Das Ergebnis, präsentiert im taschen-typischen gigantischen Format, ist wieder mal ein Schmuckstück. Besonders bemerkenswert ist die unglaubliche Leuchtkraft der Farben nach fast 100 Jahren, die gestochen scharfe Wiedergabe jeder einzelnen Schraffur von Fosters Feder und die fast dreidimensionale Wirkung seiner Kompositionen. Durch die schiere Größe des Bandes wird Fosters Detailversessenheit – von der Maserung eines Holzschildes bis zum Faltenwurf eines Gewandes – erst wirklich erfahrbar. Der Band ist die definitive, museale Würdigung von Fosters Tarzan, die unmissverständlich klarmacht, warum diese Seiten das Fundament für alles waren, was im Abenteuercomic von „Flash Gordon“ bis „Prinz Eisenherz“ folgen sollte.


Ein Autor, der aus Verzweiflung schrieb, und ein Künstler, der aus Not einen verachteten Job annahm, schufen gemeinsam eine Legende. Hal Foster, der Mann, der keine Comics zeichnen wollte, bewies, dass sie große Kunst sein können und inspirierte damit Generationen von Zeichnern, darunter Giganten wie Jack Kirby und Frank Frazetta. Sein Vermächtnis ist – nicht zuletzt dank Initiativen wie der prächtigen Taschen-Ausgabe, die seine Kunst in nie gekannter Qualität bewahrt – heute lebendiger und zugänglicher als je zuvor.

 
 
 

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