Durchgelesen und im Varieté der 30er gelebt – Teil 231
- berndhinrichs
- 26. Juli
- 2 Min. Lesezeit

Wie war eigentlich der Alltag im Nationalsozialismus? Wie veränderte sich das Leben der Menschen, auf dem Weg von Weimar nach Auschwitz. Das ist für mich eine der zentralen Fragen, wenn ich mich mit deutscher Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandersetze. Arno Frank langweilte mich mit seinem Roman Ginsterburg grandios. Aber es muss doch auch möglich sein, das Leben von Menschen in der Diktatur zu schildern, ohne beliebig zu sein. Anja Kampmann zeigt in ihrem grandiosen Roman Die Wut ist ein heller Stern, wie es auch gehen kann.
Der Roman spielt in Hamburg in den Jahren 1933 bis 1937. Das „rote Hamburg“ wird braun. Im Mittelpunkt steht die junge Protagonistin Hedda Möller. Sie stammt aus einfachsten Arbeiterverhältnissen und arbeitet als Akrobatin und Artistin im Varieté „Alkazar“ auf der Reeperbahn. Das Varieté und sein Chef Arthur Wittkowski ist für die Angestellten und die Menschen aus dem Milieu ein Zufluchtsort und eine Nische der Freiheit. Doch die zeiten ändern sich: Im Publikum tauchen immer mehr braune Uniformen auf. Für das neue Regime gelten die Frauen und Künstler des Varietés als „moralisch verkommen“. Hedda bewegt sich in ihrer Freizeit in kommunistischen Arbeitersport- und Boxvereinen. Doch nach und nach verschwinden Menschen aus ihrem Umfeld: Ihr geliebter Kuddel wird von der Gestapo abgeholt und ermordet. Heddas Bruder, Jaan, flieht vor dem gewalttätigen Vater, der mit den neuen Machthabern sympathisiert, und heuert als Harpunenschmied auf einem Walfänger in Richtung Antarktis an. Besonders dramatisch ist Heddas Sorge um ihren jüngeren Bruder Pauli, der an Rachitis leidet. In der rassenideologischen Gesundheitsfürsorge der Nationalsozialisten gilt sein von der Krankheit gezeichneter Körper als „nicht ins Raster passend“. Hedda versucht verzweifelt, ihn vor dem Zugriff der Behörden und ihres gemeinsamen gewalttätiges Vaters zu schützen. Schließlich wird Arthur enteignet. Als Jaan von seiner Antarktis-Fahrt zurückkehrt, hat sich die Lage in Hamburg dramatisch zugespitzt und er hat sich durch die harte Fahrt verändert und weigert sich, Deutschland zu verlassen.
Kampmann hat sich vor allem durch ihre Lyrik bisher hervorgetan – das merke ich dem Roman an: sie schreibt in einer sehr bildhaften, atmosphärischen und poetischen Sprache. Nicht jedes Bild, dass sie verwendet, ist klar und verständlich. Oft gibt sie Stimmungen wieder, auf die man sich einlassen muss. Das Werk ist sicherlich keine Lektüre für zwischendurch. Ich habe sehr lange für die knapp 500 Seiten gebraucht. Zu oft musste ich Passagen zweimal lesen – oder wollte es, weil mir der Spachduktus von Kampmann.
Der Roman zeigt eindringlich den Kampf einer Frau um ihre Würde, körperliche Selbstbestimmung und das nackte Überleben in einer zunehmend totalitären, männerdominierten Welt. Kampmann zeigt das Erstarken der NS-Diktatur nicht anhand der großen historischen Ereignisse, sondern von den Rändern der Gesellschaft aus. Es sind die leisen Verschiebungen im Alltag der Außenseiter St. Paulis, die das nahende Unheil spürbar machen.
9 von 10 Ritas.



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