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Durchgelesen und an der Côte d’Azur gewesen – Teil 211

  • berndhinrichs
  • 1. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit


Große Erwartungen – und eine erste Irritation

Ein neues Buch von Florian Illies. Das lässt aufhorchen. Nach den ersten Ankündigungen vom S. Fischer Verlag von Wenn die Sonne untergeht habe ich mich sehr gefreut. Als ich aber den Band in der Buchhandlung meines Vertrauens in der Hand hielt, dachte ich nur: Was ist das denn? Selten habe ich eine Neuerscheinung mit so schlechtem Papier gehabt. Erst wollte ich das Werk sogar gar nicht mitnehmen. Aber gut, wenn der Inhalt denn zumindest sehr gut ist


Exil im Sommer 1933: Sanary-sur-Mer als Schauplatz

Wenn die Sonne untergeht von Illies erzählt von den ersten Monaten des Jahres 1933 im Exil der Familie Thomas Mann. Wie schön in seinen anderen Büchern, schildert der Autor in kleinen Anekdoten, die zusammen ein packendes Bild. Im Mittelpunkt steht der Aufenthalt der Manns im südfranzösischen Sanary-sur-Mer, wohin sie sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zurückgezogen haben. Der zeitliche Rahmen ist eng gesteckt: Illies konzentriert sich auf einen Sommer, in dem sich entscheidet, ob Rückkehr noch denkbar ist oder ob das Exil zur dauerhaften Lebensform wird.


Ein Buch als Gesprächsöffner

Wer kennt nicht das Problem: Da liegt eine Einladung von einem Literaturwissenschaftler auf dem Tisch und man fragt sich schon Tage vorher, was um Gottes Willen soll ich da reden. Während alles Gäste Weißwein und Sekt trinkend durch die mit Büchern vollgestellten Wohnung flanieren, möchte man ja auch nicht nur in der Ecke rumstehen. Illies liefert auch mit seinem neuesten Werk hinreichend Gesprächsstoff, um im Kreise von literaturinteressierten Menschen.


Thomas Mann im Spannungsfeld von Rolle und Haltung

Thomas Mann erscheint in Wenn die Sonne untergeht als zentrale Figur, hin- und hergerissen zwischen politischer Zurückhaltung, persönlicher Verunsicherung und dem Bewusstsein seiner öffentlichen Rolle. Während er noch zögert, sich klar gegen das neue Regime zu positionieren, sind andere Familienmitglieder bereits weiter: Klaus und Erika Mann treten offensiv als politische Gegner des Nationalsozialismus auf, während Katia Mann versucht, den familiären Alltag unter den Bedingungen der Unsicherheit aufrechtzuerhalten. Die jüngeren Kinder bewegen sich zwischen Normalitätsversuchen und wachsender Orientierungslosigkeit.


Eine intellektuelle Gemeinschaft im Übergang

Illies verwebt diese familiäre Perspektive mit Begegnungen und Beobachtungen aus dem Kreis anderer Exilierter, die sich ebenfalls an der Côte d’Azur aufhalten. So entsteht ein Bild einer intellektuellen Gemeinschaft im Übergang, geprägt von Provisorien, Gesprächen, Hoffnungen und zunehmender Ernüchterung. Das Buch beschreibt weniger dramatische Flucht als vielmehr das langsame Begreifen eines endgültigen Bruchs.


Fazit: Kultur unter Druck

Wenn die Sonne untergeht ist eine schöne Schmökerbude. Wie immer bei Illies. Ich kann es nur jedem empfehlen, der Einblick haben will, was passiert mit der Kultur, wenn antidemokratischen Kräfte das sagen haben. 10 von zehn Grammophones.

 
 
 

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