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Durchgelesen und Hitler getroffen – Teil 210

  • berndhinrichs
  • 25. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Ernst Weiß: Arzt, Schriftsteller, Exilant

Ernst Weiß (1882–1940) war ein österreichisch-deutscher Schriftsteller und Arzt jüdischer Herkunft. Er studierte Medizin, arbeitete zeitweise als Schiffsarzt und verarbeitete seine Erfahrungen häufig literarisch. Bekannt wurde er vor allem durch psychologisch präzise Romane, wie beispielsweise Der Augenzeuge, der erst posthum in den 1960er-Jahren veröffentlicht wurde und sein letztes Werk war. Denn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging Weiß ins Exil nach Paris, wo er 1940 Suizid beging – während er vor seinem Hotel aus seinem Fenster die Wehrmacht in die französische Hauptstadt einmarschieren sah, nahm er Gift, legte sich in die Badewanne und schnitt sich die Pulsadern auf.


Ein Roman über Erinnerung und Verantwortung

Weiß erzählt in Der Augenzeuge die Lebensgeschichte eines Arztes, der rückblickend von seinem Weg durch die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts berichtet. Der Ich-Erzähler wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf, studiert Medizin und dient während des Ersten Weltkriegs als Arzt in einem Lazarett. Dort behandelt er einen Soldaten mit den Initialen A. H., der an einer psychisch bedingten Blindheit leidet. Der Arzt glaubt, den Patienten erfolgreich geheilt zu haben – ohne zu ahnen, dass es sich um einen Mann handelt, der später als politische Führungsfigur des Nationalsozialismus Geschichte schreiben wird. Nach dem Krieg setzt der Erzähler sein Leben als Arzt fort, gründet eine Familie und beobachtet zugleich den politischen und gesellschaftlichen Wandel der Weimarer Republik. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus geraten seine Erinnerungen und Aufzeichnungen zunehmend in den Fokus der neuen Machthaber. Der einstige Beobachter wird selbst zum Verfolgten, erlebt Repression, Internierung und schließlich die erzwungene Emigration.


Literatur, Sprache und erlittenes Leid

Marcel Reich Ranicki – ich habe es schon oft zitiert – sagte, dass sich Literatur von Trivialität durch die Sprache und das Leiden der Protagonisten unterscheidet. Um wieviel mag das Leiden der Hauptcharaktere noch wachsen, wenn selbst die Schreibenden beim Aufzeichnen unerträgliches Leid empfunden haben. Wenn sich ihr eigenes Empfinden über ihre Gedanken in ihre Hände aufs Papier einen Weg gesucht hat. Dies trifft in besonderem Maße auf die Exilschriftsteller zu, die nach 1933 Deutschland verlassen mussten. Ihr Leid, abgeschnitten von allem, ist kaum nachzuvollziehen.


Der Zeuge als Beobachter seiner Zeit

Der Augenzeuge legt von dieser Situation eindrucksvoll Zeugnis ab. Weiß lässt seinen Ich-Erzähler in der Tat in weiten Teilen wie einen Zeugen auftreten. Nüchtern im Ton, passiv beobachtend – sich, seine Eltern, sein Umfeld, die Nazis. Erst gegen Ende des Textes entschließt er sich, seine selbstdefinierte Rolle aufzugeben: Er macht sich auf den Weg nach Spanien, um im Bürgerkrieg auf Seiten der Republik gegen die Faschisten zu kämpfen.


Erschütterung und bleibende Aktualität

Ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckt hat: der nackte Text oder das Wissen, wer den Text in welcher Situation geschrieben hat. Beides ist für mich nicht voneinander zu trennen. Der Augenzeuge hat mich erschüttert und mir zwei Dinge wieder einmal vor Augen geführt: Erstens, die Zeit der Nationalsozialisten hat Europa um einen Großteil seiner Intellektuellen gebracht, was noch heute spürbar ist und zweitens, sollte mehr Exilliteratur gelesen werden, um nicht zu vergessen.Ich gebe 10 von 10 Huftritten.

 
 
 

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