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Durchgelesen und nach Skandinavien geflohen – Teil 212

  • berndhinrichs
  • vor 12 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit

Gerade wühle ich mich durch einen 1300-Seiten Schinken über deutschsprachige Literatur zwischen 1933 und 1945. Wie ich es mir gedacht habe, ist es der Fluch für mich: Überall Tipps und Neuentdeckungen. Das Mammutwerk selbst werde ich später noch vorstellen. Einer der Tipps, die mich daran erinnerten, dass eine lange vor mir her geschobene literarische Selberverständlichkeit so langsam mal dran wäre ist: Flucht in den Norden von Klaus Mann.

In dem 1934 im niederländischen Exilverlag erschienenen Roman muss die Protagonistin Johanna, eine junge engagierte Kommunistin, 1933 aus Deutschland fliehen, da ihr die Verhaftung durch die Nationalsozialisten droht. Sie reist nach Finnland, um ihre Studienfreundin Karin auf dem abgelegenen Gutshof der Familie Karhu zu besuchen. In Finnland angekommen, taucht Johanna in eine völlig andere Welt ein. Die nordische Natur ist friedlich, weit und scheinbar unberührt von den politischen Unruhen in Deutschland. Auf dem Gutshof lernt sie Karins Bruder Ragnar kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine intensive Liebesbeziehung. Ragnar ist ein eher unpolitischer, melancholischer Naturbursche, der Johanna ein Leben in Sicherheit und Geborgenheit bietet. Johanna genießt die Atempause und die Liebe zu Ragnar, doch das schlechte Gewissen plagt sie. Während sie in der finnischen Idylle lebt, kämpfen ihre Genossen in Deutschland im Untergrund oder leiden in Konzentrationslagern. Dieser Konflikt wird durch Briefe und Nachrichten aus der Heimat befeuert. Besonders die Figur des Bruno, ein radikaler Kampfgefährte, verkörpert für sie die Pflicht, der sie sich entzogen hat. Der Wendepunkt tritt ein, als Johanna die Nachricht vom Tod eines engen Freundes und Mitstreiters erhält. Ihr wird klar, dass sie im „nordischen Paradies“ nur eine Zuschauerin ist, während die Geschichte an ihr vorbeizieht.

Klaus Mann ist nicht der große Sprachjongleur. Die Romane, die ich bereits von ihm kenne, Auf dem Vulkan, Treffpunkt im Unendlichen oder auch Mephisto, zeichnen sich vor allem durch seine unmittelbare Betroffenheit aus. Mann ist in seinen Romanen Augenzeuge. Das gilt natürlich besonders für seine autobiographische Schrift Der Wendepunkt. Dabei ist wichtig zu betonen, dass er mehr ist, als der talentierte Sohn, seines übergroßen Vaters. Klaus Mann ist Zeitzeuge und so muss er auch gelesen werden. Es ist als einer der ersten echten Romane der deutschen Exilliteratur von unschätzbarem historischem und literarischem Wert.

Klaus Mann fängt hier meisterhaft das Lebensgefühl der frühen Exiljahre ein. Viele Emigranten fühlten genau diese Schuld: Darf man glücklich sein, während die Heimat im Chaos versinkt? Dass Johanna sich am Ende gegen ihr persönliches Glück entscheidet, macht das Buch zu einem fast schon asketischen Bekenntnis zum politischen Widerstand. Ich gebe 8 von 10 Telegramme.

 
 
 

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