Durchgelesen und das Beben erlebt – Teil 209
- berndhinrichs
- 18. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Ein Alltag, der kippt – und nichts ist mehr wie zuvor
Kennt Ihr das auch? Da geht man ganz entspannt vormittags zum Ikea-Markt, um ein Babybett zu kaufen und von einer Sekunde auf die andere verliert Ihre Eure Welt. Eben noch galten Eure Gedanken dem Baby, dass bald Euer Sein bestimmen wird und plötzlich stürzt die Welt um Euch ein. Nichts ist mehr so wie es vorher war. Alles ist in Auflösung. Das beschreibt zumindest Emma Pattee in ihrem Überraschungserfolg Auf der Kippe.
Ein Erdbeben, ein Tag, ein Weg durch das zerstörte Portland
In Auf der Kippe begleitet Pattee ihre Protagonistin Annie an einem einzigen Tag in Portland. Annie ist hochschwanger und unterwegs, um ein Babybett zu kaufen. Währenddessen wird die Stadt von einem schweren Erdbeben getroffen. Annie überlebt unverletzt, ist jedoch von ihrem Partner getrennt und ohne funktionierende Kommunikationsmittel. Sie entscheidet sich, zu Fuß durch die beschädigte Stadt zurückzugehen, um ihn zu finden. Auf diesem Weg begegnet sie anderen Menschen, erlebt Zerstörung, Chaos und Hilfsbereitschaft und setzt sich intensiv mit ihrem eigenen Leben auseinander. Ihre Gedanken kreisen um ihre Beziehung, ihre bevorstehende Mutterschaft, frühere Entscheidungen und die Unsicherheit, ein Kind in eine von Krisen geprägte Welt zu bringen. Der Roman verbindet die konkrete Erfahrung einer Naturkatastrophe mit einer persönlichen Bestandsaufnahme im Moment eines tiefgreifenden Übergangs.
Wenn das äußere Beben zum Spiegel des Inneren wird
Was für ein Roman. Mit Auf der Kippe legt Pattee ihr Debüt vor. Sie ist eine US-amerikanische Autorin und Journalistin, die über den Klimawandel und gesellschaftliche Themen schreibt und u. a. in The New York Times. Ein atmosphärisch sehr dichtes Buch, bei dem das äußere Beben zum Spiegel eines inneren Zustands wird: zwischen Hoffnung und Überforderung. Annie berichtet von diesem Tag an ihr Kind, dass sie zum Zeitpunkt des Bebens noch ungeboren in sich trägt. Sie spricht es ununterbrochen als Krümel an. Dadurch gewinnt der Text eine große Nahbarkeit. Ich habe Anteil genommen an ihrem Schicksal. Geschrieben aus der Ich-Perspektive mit emotionaler Tiefe, oft witzig, manchmal bitter, gleichzeitig nachdenklich.
Beziehung, Zweifel und ein leiser Abschied
Auf der Kippe ist das Leben von Annie, die sich im Laufe des Tages immer mehr distanziert von ihrem Mann. Sie erlebt Zweifel, Wut, Trauer. Durchlebt entscheidende Phasen ihrer Beziehung erneut und erläutert sie ihrem Krümel. Ich bin mit Annie gerne durch das zerstörte Portland gewandelt. Als Fan von Apokalyptischen- und Katastrophenfilmen war ich sofort drin im Plot. Im Gegensatz zu der cineastischen Variante kommt der Roman tiefer und stiller daher. Er enthält Metaebenen, die das Lesen zu einem Genuss machen. Ich gebe 10 von 10 grünen Raupen.



Kommentare