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Durchgelesen und ausgenüchtert – Teil 206

  • berndhinrichs
  • 28. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit


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Vorurteile über Alkoholabhängigkeit

Alkoholkranke hängen von morgens bis abends an der Flasche – nur die harten Sachen. Sie lungern vor dem Bahnhof rum, können keine zwei Tage ohne ihren Stoff auskommen, haben sich eines Tages dazu entschieden Trinker zu sein und begannen mit dem Saufen. So die allgemeinen Vorurteile gegenüber dem Trinker. Daniel Schreiber versucht in seinem Buch Über das Trinken und das Glück mit diesen Vorurteilen aufzuräumen.


Der Entschluss zur Nüchternheit

In Nüchtern. Über das Trinken und das Glück beschreibt Daniel Schreiber seinen Entschluss, keinen Alkohol mehr zu trinken. Ausgangspunkt ist das Gefühl, dass Alkohol über Jahre hinweg eine zentrale Rolle im sozialen und emotionalen Leben eingenommen hat – als Mittel gegen Unsicherheit, Einsamkeit und innere Anspannung. Schreiber reflektiert, wie selbstverständlich Alkohol in vielen gesellschaftlichen Kontexten präsent ist und wie sehr er als sozialer Kitt fungiert. Dabei untersucht er, welche Funktionen das Trinken für ihn persönlich erfüllt hat und welche inneren Zustände es zeitweise überdeckt oder reguliert hat. Die Entscheidung zur Nüchternheit wird als Prozess beschrieben, der mit Irritationen, Verlustgefühlen, aber auch mit neuen Erfahrungen von Klarheit und Präsenz verbunden ist. Neben autobiografischen Passagen greift der Autor kulturgeschichtliche, philosophische und literarische Bezüge auf, um den Stellenwert des Alkohols in westlichen Gesellschaften einzuordnen. Nüchternheit erscheint dabei nicht als moralisches Programm, sondern als individuelle Haltung und als Versuch, dem eigenen Leben unverstellter zu begegnen.


Kein moralischer Ratgeber

Ich mag keine Bücher, die mir mit erhobenem Zeigefinger sagen, wie ich zu leben habe oder was gesünder ist. Ratgeber, egal um welches Thema es geht, von seelischem Gleichgewicht, über Ernährungsverhalten bis hin zu Büchern der „Sorge Dich nicht – lebe!“-Fraktion, sind mir ein Grauen. Schreiber ist anders. Schreiber mahnt nicht. Er stellt da und jeder mag sich in seinen Schilderungen wiederfinden – oder auch nicht.


Ein Buch über Krankheit und gesellschaftliche Verantwortung

Nüchtern. Über das Trinken und das Glück ist nicht nur ein Buch für Trinker. Es ist ein Buch für all jene Menschen, die empathisch genug sind, um den Kampf nachvollziehen zu können, den ein Trinker jeden Tag mit sich ausficht. Es weckt Verständnis und macht sensibel für Warnzeichen. Trinker sein ist kein Zeichen von Schwäche, stellt Schreiber da. Es ist eine Erkrankung, in die man aus ganz unterschiedlichen Gründen reinrutscht. Und er zeigt auf, dass unsere Gesellschaft es jedem einfach macht, zum Trinker zu werden. Er berichtet von einer Krankheit, von der die meisten von uns immer noch glauben, dass sie keine ist. Denn wie kann es sein, dass wir im Alltag so sehr zu einem Genussmittel verführt werden, um dann, wenn man dem Drängen übermäßig nachgibt, so geächtet zu werden.


Fragen statt Antworten

Mich hat Schreiber stark beeindruckt. Er gibt weniger Antworten als das er Fragen stellt: nach Nähe, Selbstwahrnehmung, Zugehörigkeit – und danach, was ein gelingendes Leben jenseits eingeübter Routinen ausmachen kann. Schreiber hat den Blick auf mich verändert und das ist weitaus mehr, als sich ein Autor von seinem Text wünschen kann: Ich gebe 10 von 10 Säufermonde.

 
 
 

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