Durchgelesen und italienischen Faschismus erlebt – Teil 213
- berndhinrichs
- 15. Feb.
- 2 Min. Lesezeit

Ein Echo der Vergangenheit: Die Suche nach dem italienischen Zeitgeist
Ich erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte Mal zeitgenössische italienische Literatur gelesen habe. Umberto Eco vor Jahren – klar, ein Klassiker. Marco Balzano? Nie gehört. Laut Verlag zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Sein neuester Roman Bambino sprang mir in der Buchhandlung meines Vertrauens in die Augen. Auf dem Klappentext der Satz: „Mattia ist ein Faschist der ersten Stunde.“ Gekauft! Ob meine Neugier belohnt wurde?
Triest als Bühne: Zwischen Schlagfertigkeit und schwarzer Uniform
Der Roman spielt weitestgehend in Triest, dem urbanen Tor zum Balkan. Hier wächst Mattia Gregori auf, ein Junge mit glattem Gesicht – so glatt, dass ihn die schwarzgekleideten Faschisten bald nur noch Bambino nennen. Nicht aus Zärtlichkeit, sondern aus einer bitteren Ironie. Aber Bambino weiß sich Respekt zu verschaffen. Schon bald weiß das ganze Viertel um seine Schlagfertigkeit.
Die klaffende Leere: Wenn familiärer Schmerz zur politischen Radikalisierung führt
Wir begleiten Bambino von den 1920ern bis nach dem Zweiten Weltkrieg und erleben Mattias Vater, einen stillen Uhrmacher, dessen Hände feine Dinge reparieren. Seine „Mutter“ Tella gesteht ihm erst auf dem Sterbebett, dass sie nicht seine leibliche Mutter ist. Ein Geständnis, das in Mattia eine klaffende Leere hinterlässt und einen unstillbaren Zorn entfacht. Diese Suche nach dem Ursprung seines Lebens wird zum einzigen Licht, das durch sein Leben flackert. Die politische Welt um ihn herum und seine innere Zerrissenheit verschmelzen. Mattia schließt sich den Schwarzhemden an. Der Faschismus ist sein Kompass und zugleich sein Gefängnis: Er verspricht Stärke, Zugehörigkeit und die Hoffnung, durch Gewalt Antworten zu erzwingen.
Das Problem mit der Kürze: Warum 250 Seiten für 50 Jahre Weltgeschichte nicht reichen
Ich weiß nicht wirklich, was ich von dem Roman halten soll. Ein junger Mann, der in den Faschismus rutscht – nicht aus Überzeugung, sondern aus innerer Leere –, klingt nach einem Lehrstück. Ein Stoff, der angesichts aktueller politischer Entwicklungen hochrelevant ist. Alles scheint angerichtet für ein intensives Leseerlebnis. Dass dieses nicht eintritt, liegt daran, dass der Roman zu „dünn“ ist. Knapp 250 Seiten reichen nicht aus, um die Lebenszusammenhänge mehrerer Menschen in den dramatischsten Dekaden des 20. Jahrhunderts glaubhaft zu schildern.
Hopplahopp an die Front: Wenn Charakterentwicklung auf der Strecke bleibt
Mattias Begeisterung für Gewalt und Faschismus kam mir zu abrupt. Und kaum wird er von seinem Duce an die Front nach Griechenland geschickt, dauert es nur ein paar Seiten, bis er sich fragt, warum sein Führer das Leid seiner Kämpfer zulässt. Der Plot ist überzeugend, aber Balzano hätte sich bei der Entwicklung der Charaktere viel mehr Zeit lassen müssen. Diese Zeit misst sich in Seitenzahlen.
Fazit: Ein wichtiges Thema mit dem Tiefgang einer TV-Serie
Am Ende bleibe ich ratlos zurück. Ich fühle mich wie nach einer oberflächlichen Fernsehserie zu einem eigentlich lohnenswerten Thema. Schade. Mein Urteil: 7 von 10 schwarzen Hemden.



Kommentare