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Durchgelesen und das Grauen in Kiew erlebt – Teil 224

  • berndhinrichs
  • 31. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

Manche Bücher sprengen alle Genregrenzen. So wie Baby Jar von Anatoli Kusnezow. Es ist Dokumentation, Autobiografie, Erlebnisbericht und Sachbuch in einem. Nur eines ist es ganz gewiss nicht: ein fiktionaler Roman. Dennoch trägt das Werk den Untertitel Roman eines Augenzeugen. Vielleicht hat das den Vorteil, das sich viele Leser von der Lektüre nicht abgeschreckt fühlen, weil es ja nur ein Roman ist. Es wäre dem Buch sehr zu wünschen.


Das Buch schildert die Ereignisse der Jahre 1941 bis 1943 aus der Sicht des zwölfjährigen Autors. Kusnezow beschreibt den Einmarsch der deutschen Wehrmacht, den anfänglichen Hunger, das Chaos und den täglichen Überlebenskampf der Zivilbevölkerung. Dann kommt der September 1941: Die Nationalsozialisten befehlen allen Kiewer Juden, sich zu sammeln. Was als vermeintliche „Umsiedlung“ getarnt war, endet in einem beispiellosen Massenmord. Innerhalb von nur zwei Tagen werden in der Schlucht Babyn Jar über 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen. Kusnezow beschreibt aus erster Hand, dass auch in den folgenden zwei Jahren die Schlucht eine Hinrichtungsstätte bleibt. Juden, Roma, sowjetische Kriegsgefangene, ukrainische Nationalisten und psychisch Kranke werden dort ermordet. Kusnezow wird Zeuge, wie die Stadt systematisch ausgehungert und zerstört wird. Gegen Ende des Krieges, als die Rote Armee näherrückt, beschreibt er, wie die Nationalsozialisten versuchen, ihre Spuren zu verwischen, indem sie Häftlinge zwingen, die Leichen wieder auszugraben und zu verbrennen.


Die Entstehungsgeschichte ist mindestens genauso interessant, wie sein Inhalt. Bereits als Teenager schreibt Kusnezow seine Erinnerung an die Kiewer Besatzungszeit auf. 1966 erschien der Text zuerst stark gekürzt in der UdSSR. Die Zensur strich alles, was nicht in das offizielle sowjetische Narrativ passte: grassierenden Antisemitismus, die Kooperation mancher Ukrainer mit den Deutschen der Lebenswille, der in der Stadt stärker war als moralische Bedenken. Kusnezow floh Anfang der 1970er Jahre und es gelang ihm, sein unzensiertes Manuskript außer Landes zu schmuggeln. Hier veröffentlichte er das vollständige Manuskript mit nachträglichen Ergänzungen. Die jetzt vorliegende Ausgabe macht diese Änderungen und Ergänzungen sichtbar. Teile, die der sowjetischen Zensur zum Opfer fielen, sind kursiv, spätere Ergänzungen in Klammern.


Der Text? Mitunter schwer erträglich. Diese Grausamkeiten, diese Willkür. Ich war erschüttert von dem Werk, konnte viele Details kaum fassen und doch ist es Wahrheit. Das System aus Terror, Verschleppung und Ermordung hat bestens funktioniert. Hauptverantwortlich für die Massenerschießungen im September 1941 war die Einsatzgruppe C unter dem Befehl von SS-Standartenführer Paul Blobel. 1947 bis 1948 stand er und 23 weiteren beteiligte SS-Männern im so genannten Einsatzgruppenprozess vor Gericht. Es wurden nur vier Todesurteile verkündet – darunter Blobel selbst. Die meisten Täter waren 1951 wieder auf freiem Fuß. Dabei blieben die Täter aus den Reihen der Wehrmacht, die logistische Hilfe leisteten, ohne Anklage.


Babyn Jar ist kein fiktiver Roman, sondern eine erschütternde Chronik des Schreckens und ein wichtiges Mahnmal gegen das Vergessen. Es zeigt den Krieg aus der Perspektive eines Kindes und dokumentiert zugleich die doppelte Tragödie der Wahrheit – erst unterdrückt durch die Täter und später totgeschwiegen durch die Sieger.


10 von 10 Marktplätzen.

 
 
 

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