Durchgelesen und das Last-Minute-Weihnachtsgeschenk 2025 entdeckt – Teil 205
- berndhinrichs
- 14. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Erwartung und Bewunderung für John Irving
Es gibt keinen Autoren, dessen neuen Büchern ich so entgegenfiebere wie die von John Irving. Sowieso ist es mir unverständlich, dass der in Kanada lebende Autor bisher noch nicht den Literaturnobelpreis erhalten hat. Sicher, Mr Irving jongliert immer mit den gleichen Bauklötzen, aber er schafft es sie bei jedem Roman so überraschend neu zusammenzusetzen, dass seine Geschichten nie langweilig sind. Außerdem gibt es gegenwärtig niemanden, der so fesselnd erzählen kann. Da könnte Mr. Irving vermutlich auch aus dem Telefonbuch von Bottrop-Kirchhellen berichten – es wäre immer noch spannend. Gilt das auch für seinen jüngsten Wurf: Königin Esther?
Die Geschichte von Jimmy Winslow
In seinem neuen Roman erzählt Irving die Geschichte von Jimmy Winslow. Ein junge mit zwei Müttern. Da ist einmal Esther, seine leibliche Mutter, die im Kinderheim St. Clouds bei Dr. Larch groß geworden ist. Mit 14 Jahren holen sie die Winslows zu sich nach Hause, als Kindermädchen für ihre vierte Tochter Honor. Honor wird Jimmy großziehen (seine zweite Mutter), während Esther – sie ist Jüdin – nach Israel auswandert. Als Jimmy älter geworden ist, zieht es ihn zum Studium nach Wien. Dort lernt er neben vielen anderen skurrilen Personen auch Claude und Jolanda kennen. Es sind die 1960er Jahre und die USA befinden sich im Krieg. Gerade hat JFK das Gesetz zur Einberufung verschärft. Honor hat Angst um ihren Sohn und schlägt vor, er soll doch ein Mädchen schwängern und heiraten, damit er nicht eingezogen wird. Jolanda hat eine Beziehung mit Mieke, die es unbedingt auch einmal mit einem Mann probieren will. Das wäre eine gute Chance, denkt Honor.
Typisch Irving: Motive, Themen und Erzählweise
Natürlich – und der obere Absatz legt sehr gut Zeugnis davon ab – ist es schlichtweg unmöglich zu einem John Irving-Roman eine Inhaltsangabe zu geben: zu verschlungen die Erzählung, zu verwirrend die Erzählstränge. Das gilt auch für König Esther. Und noch ein paar andere Zutaten zeichnen den Roman als typisch für Irving aus: Ein junger Mann ist auf der Suche nach einem Elternteil, es kommen viele Ringe mit Blumenkohlohren vor, Tiere und Kinder spielen wichtige Rollen, die Familien sind zusammengewürfelt, sehr verrückt, kreativ und empathisch – funktionieren aber sehr gut. Wien ist eine wichtige Stadt und New Hampshire ein wichtiger Bundesstaat. Neu in dem Roman ist allerdings der Zusammenhang zu Israel und zum Judentum.
Ein wilder Ritt mit Längen
Königin Esther ist wie immer ein wilder Ritt. Teilweise vor historischen Hintergrund. Ein Vergnügen. Unerwähnt darf aber nicht bleiben, dass das Buch bei 520 Seiten auf die letzten 40 bis 50 Seiten gut hätte verzichten können. Dort wird mir zu viel israelischen Geschichte wiedergegeben – da lese ich lieber ein Sachbuch, wenn ich es noch nicht weiß. Aber – und der Einwand scheint mir berechtigt: Irving schreibt für den internationalen Markt und nicht überall ist der Leser und die Leserin mit der Historie des Staates Israel vertraut.
Ein Roman für Fans – mit klarer Empfehlung
Königin Esther ist sicherlich nicht Irvings bester Roman und wäre ich Buchhändler und ein Kunde wollte es kaufen, würde ich vermutlich fragen, ob es sein erster Irving ist. Wäre die Antwort ja, würde ich ihm das Buch aus den Händen nehmen und ein anderes hineinlegen. Ich will sagen: Als Erstkontakt nicht geeignet, für Fans ein Muss. Ich gebe 9 von 10 Hard Rains.



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