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Durchgelesen und die Folgen des Genozids in Ruanda erlebt - Teil 227

  • berndhinrichs
  • vor 6 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Draußen rollte die erste Hitzewelle des Jahres über Europa – afrikanische Temperaturen. Zeit meine Beschäftigung mit der Literatur des faszinierenden Kontinents fortzusetzen. Je weiter ich las, desto besser schien der Zeitpunkt zu passen. Jacaranda führt nach Ruanda – in ein Land, dessen Geschichte von einer ganz anderen Hitze geprägt ist als der, die wir gerade erleben. Gaël Faye erzählt nicht vom Genozid selbst, sondern von dem, was Jahrzehnte später geblieben ist: vom Schweigen, von Erinnerungen und von Menschen, die versuchen zu verstehen, was ihre Familien geprägt hat.


Der Protagonist und Ich-Erzähler Milan wächst in den 1990er-Jahren im französischen Versailles auf. Er ist der Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter. Obwohl 1994 in der Heimat seiner Mutter der grausame Genozid wütet, bricht in der Familie niemand das Schweigen darüber. Die Wende kommt, als plötzlich Claude in Frankreich auftaucht – ein schwer verletzter, junger ruandischer Verwandter, den die Mutter vorübergehend aufnimmt. Claude wird für Milan zu einem Bruder. Als Claude plötzlich wieder verschwindet, bleibt Milan mit unzähligen Fragen zurück. Erst als junger Mann bricht Milan schließlich selbst nach Ruanda auf. Er trifft Claude wieder und freundet sich zudem mit dem undurchsichtigen Charakter Sartre an. Milan ist von da an öfters in dem afrikanischen Land und taucht tiefer in das Land ein. Er muss feststellen, dass Ruanda zwar versucht, technologisch und wirtschaftlich rasant in die Zukunft zu streben, unter der Oberfläche aber ein gigantisches, unsichtbares Trauma liegt.


Eigentlich gibt es nur zwei stellen in dem Buch, in denen im Rückblick explizit die Grausamkeiten des Gemetzels geschildert werde. Zwei stellen, die schwer zu ertragen sind. Aber sie sind nicht aus voyeuristischen Gründen eingefügt, sondern um die ganze Sinnlosigkeit des Massakers darzustellen. Denn Faye, 1982 in Burundi geboren mit einer ruandischen Mutter und einem französischen Vater, erzählt nicht nur Milans Geschichte. Er erzählt die Geschichte eines Landes. Geht immer wieder zurück – bis zu den Kolonialmächten und legt ihre Verantwortung offen. Seine Darstellung ist nicht belehrend oder vorwurfsvoll, er gemahnt die Europäer nur daran, sich ihrer Verantwortung in Afrika zu stellen. Meine Gedanken schweiften ein ums andere mal zu den vielen hoffnungslosen Seelen, die in Schlauchbooten versuchten dem afrikanischen elend zu entkommen.


Faye entfaltet die Geschichte über vier Generationen hinweg und zeigt, wie der Genozid die Leben der Menschen bis heute bestimmt. Der Roman zeigt den schmerzhaften, aber notwendigen Prozess, das generationenübergreifende Schweigen zu brechen. Der Roman ist eine tief bewegende Parabel über die Unmöglichkeit, die Vergangenheit einfach wegzuwischen. Er stellt die fundamentale Frage: Wie kann eine Gesellschaft nach unvorstellbarem Leid wieder zusammenfinden und eine Zukunft aufbauen?

 
 
 

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