Durchgelesen und die Wendezeit erlebt - Teil 226
- berndhinrichs
- vor 16 Minuten
- 2 Min. Lesezeit

Mit queerer Literatur habe ich mich bisher kaum beschäftigt. Eine Ausnahme ist das geniale Buch Wünschen von Chukwuebuka Ibeh. Mit dem 2024 im Tropen Verlag erschienenen Roman Verlassene Nester von Patricia Hempel also nun der zweite Roman aus dieser Gattung - ein Nachwende- und Coming-of-Age-Roman.
Die Handlung spielt im Sommer 1992 in einem fiktiven Ort an der Elbe. Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung steht das Leben hier still. Die ansässige Betonfabrik wurde abgewickelt und stillgelegt. Im Zentrum steht die 13-jährige Pilly Jäckel. Sie wächst in einer zerrütteten Familie und in emotionaler Einsamkeit auf. Ihre Mutter Waltraud ist spurlos verschwunden. Es heißt, sie sei in den Westen geflohen. Ihr Vater Martin ist mit seinem Leben völlig überfordert, flüchtet sich in den Alkohol und verbringt die Tage in der Dorfkneipe. Da Pilly in den Sommerferien nicht wegfahren kann, sucht sie Anschluss. Sie sucht die Nähe zu zwei älteren Mädchen, die sich in einem ausgedienten Betonrohr treffen. Pilly fixiert sich vor allem auf die ältere, dominante Katja. Um dazuzugehören und Katjas Aufmerksamkeit zu gewinnen, erträgt Pilly Demütigungen und nimmt die Rolle des „Hundes“ in der Clique ein. Hinter dieser Faszination verbirgt sich für Pilly nicht nur der Wunsch nach Zugehörigkeit, sondern auch das Erwachen ihrer eigenen Sexualität.
Verlassene Nester ist der zweite Roman von Hempel. Was mich am meisten fasziniert an dem Text ist der Umstand, dass die 1983 geborene West-Berlinerin die Trostlosigkeit der Wendejahre in der ländlichen DDR nicht aus eigenem Erleben kennen kann. Ihre Schilderungen der tiefgreifenden Verunsicherung und des Identitätsverlustes der Menschen beruhen demnach auf ihren Recherchen. Ihr Text hat dafür eine Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit, die für einen zweiten Roman bemerkenswert ist. Das Triste und die Hoffnungslosigkeit springen mir aus jeder Seite entgegen. Auch die aus dieser Zukunftslosigkeit entstehende Ausländerfeindlichkeit spart die Autorin nicht aus.
Hempel wechselt im Roman ständig den Erzählstil. Vom persönlichen Ich-Erzähler – sie schildert aus Sicht von Pilly – zum unpersönlichen auktorialen Erzähler. Diese Sprünge lassen die Pilly-Abschnitte noch nahbarer erscheinen. In ihnen erleben wir dann auch das Erwachsenwerden, die ersten erotischen Sehnsüchte der jungen Protagonistin. Hempel schildert das mit sehr viel Feingefühl ohne jeglichen, unangebrachten Voyeurismus.
Beim Lesen des Romans habe ich der Autorin den Spaß an der Schilderung angemerkt. Sie verliert sich mitunter etwas zu sehr in ihrem eigenen Sprachstil. So entstehen zwar keine Redundanten, aber es schleichen sich ein paar Längen ein. Insgesamt zeichnet sich ihr Stil durch eine sehr bildhafte, poetische Sprache und präzise Naturbeschreibungen aus, die im Kontrast zu der Tristesse des verfallenden Ortes stehen.
Verlassene Nester ist die geglückte Verknüpfung von Coming-of-Age-Geschichte, mit Wendezeit-Roman – vielleicht mit einer Spur zu viel Ambitionen. Das Buch macht Lust auf mehr. Ich gebe acht von zehn Blumensträuße.



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