Durchgelesen und Diversität erlebt - Teil 228
- berndhinrichs
- vor 2 Minuten
- 2 Min. Lesezeit

Manche Bücher fühlen sich an wie ein Spaziergang durch einen gepflegten Garten. Andere gleichen einem überwucherten Gewächshaus voller Geheimnisse, in dem hinter jedem Blatt etwas Unerwartetes lauert. Botanik des Wahnsinns von Leon Engler gehört für mich eindeutig zur zweiten Sorte. Es ist ein Roman, der nicht nur erzählt, sondern Stimmungen wachsen lässt – leise, eindringlich und lange nachhallend. Dass dabei Themen aufgegriffen werden, die mich persönlich sehr beschäftigen, hat die Lektüre für mich noch intensiver gemacht.
Die Geschichte setzt mit einem absurden wie schmerzhaften Vorfall ein: Bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter geht durch ein Missgeschick alles von Wert verloren – die gesamte bewegliche Habe landet in der Müllverbrennungsanlage. Es bleibt wortwörtlich nur der wertlose „Abfall“ der eigenen Familiengeschichte. Dieser Verlust wird zum Auslöser, sich schreibend mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf ein Stammholz voller psychischer Erkrankungen, das er wie ein Botaniker seziert: Die Großmutter war bipolar und unternahm zwölf Suizidversuche, der Großvater verbrachte viel Zeit in der berühmten Wiener Psychiatrie Am Steinhof, die Mutter flüchtete sich in den Alkoholismus und der Vater litt unter schweren Depressionen. Aufgewachsen in einem Münchner Arbeiterviertel, ist die Kindheit und Jugend des Erzählers von der permanenten Angst geprägt, die familiäre „Verrücktheit“ geerbt zu haben. Sein Leben wird zu einer Flucht. Erst auf ein Internat, später ins entfernte New York und schließlich nach Wien, wo er sich in Kaffeehäusern intensiv mit den Schriften Sigmund Freuds auseinandersetzt. Am Ende landet der Erzähler in der geschlossenen Anstalt – allerdings nicht als Patient, sondern als behandelnder Psychologe. Durch das Zuhören und die Praxis lernt er jedoch eine fundamentale Lektion: Ein Mensch ist immer weitaus mehr als seine medizinische Diagnose.
Engler weiß, wovon er schreibt. Denn er ist nicht nur Autor, sondern arbeitet als Psychologen. Damit bringt das Buch etwas mit, das vielen werken dieses Genres fehlt: Fachwissen, Tiefe und eine gehörige Portion Ironie. Zwar ist der Roman mit einem Umfang von rund 200 Seiten alles andere als ein dicker Wälzer, dennoch habe ich ein vergleichsweise langes lesevergnügen genossen. Und das lag im Wesentlichen daran, dass ich viele Absätze oder Sätze zwei Mal gelesen habe, damit ich auch wirklich nichts von seinem Witz und seiner feinen Sprache verpasse – passiert mir auch nicht oft.
Das Buch wurde unter anderem als „Lieblingsbuch des Schweizer Buchhandels 2026“ ausgezeichnet. Es wirft die Frage auf, inwiefern psychische Krankheiten über Generationen hinweg wie ein genetisches oder soziales Schicksal weitergereicht werden. Und es geht um die Frage der Normalität: So hinterfragt der Roman, was es überhaupt bedeutet, ein „normaler Mensch“ zu sein, und warum die Gesellschaft so wenig Platz für diejenigen hat, die aus dem Raster fallen. Eine Frage von unglaublicher Relevanz. Am Ende steht bei Engler die Erkenntnis, dass starre psychologische Theorien oft am Menschen vorbeigehen und echtes Zuhören der Schlüssel zur Heilung ist.
Botanik des Wahnsinns ist eine spannende Mischung aus Entwicklungsroman, Familiengeschichte und philosophisch-psychologischem Lehrstück, das trotz der schweren Themen durch einen sehr leichtfüßigen, distanzierten und humorvollen Ton besticht. 10 von 10 Citalopram.



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