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Durchgelesen und ein Jahrhundert der Kriege erlebt – Teil 225

  • berndhinrichs
  • 7. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Am 11. August wird die Longlist für den deutschen Buchpreis verkündet. Für mich gehört der Roman Im ersten Licht von Norbert Gstrein auf jeden Fall auf die Liste. Und eigentlich erwarte ich nichts weniger als die Verleihung des Preises am Vorabend der Frankfurter Buchmesse an den österreichischen Autor. Was sich auf den rund 400 Seiten entblättert ist nichts geringeres als die Charakterstudie eines Menschen in einem mörderischen und barbarischen Jahrhundert.    


Im ersten Licht erzählt europäischer Geschichte anhand eines Mannes, der die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts miterlebt. Die Geschichte folgt der fiktiven Biografie von Adrian Reiter. Adrian wird 1901 im Salzburger Land geboren. Als Jugendlicher steht Adrian kurz davor, für den Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden. Um das zu verhindern, schlägt ihm sein Vater beim Holzhacken mit einer Axt in den Unterschenkel. Adrian bleibt zeitlebens gehbehindert und hinkt – doch er ist kriegsuntauglich und muss nicht an die Front. Während seine Generation auf den Schlachtfeldern stirbt, bleibt Adrian zu Hause. Er sieht die grausam entstellten Heimkehrer, die seelisch und körperlich zerstört sind. Später wird Adrian Lehrer. Obwohl er selbst nie gekämpft hat, flüchtet er sich in eine theoretische Kriegsbegeisterung. Er erzählt schwärmerisch von der untergegangenen k.u.k. Monarchie und der Kavallerie. Damit steckt er einen seiner Lieblingsschüler an, der sich daraufhin freiwillig meldet und später als Soldat der deutschen Wehrmacht an die Ostfront zieht.


Während der NS-Diktatur verhält sich Adrian ambivalent. Er schwimmt mit dem Strom. Das moralische Desaster bricht über ihn herein, als eben jener ehemalige Schüler von der Ostfront zurückkehrt und Adrian von den dortigen Massentötungen und Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung berichtet. Anstatt zu handeln oder das Unrecht beim Namen zu nennen, verfällt Adrian in eine Schockstarre. Er schweigt. Ein Schweigen, dass sein Leben zerstört. Seine Ehe zerbricht, er wird emotional vollkommen unfähig zu lieben. Erst als Adrian bereits alt ist, entdeckt er die Liebe auf einer Englandreise.


Was hat mich so fasziniert an diesem Buch? Vermutlich die tatsche, dass Gstrein einen echten 08/15-Typen zum Protagonisten macht. Er war weder Opfer noch Täter – er war Mitläufer. Gstrein zeigt meisterhaft, dass man im Krieg nicht zwingend eine Waffe abfeuern muss, um schuldig zu werden. Adrians Schuld speist sich aus Wegsehen, Mitläufertum und dem späteren Schweigen über die Verbrechen. Von seiner Unterwürfigkeit, die ihm zurzeit der k. u. k. Monarchie anerzogen wurde, konnte er sich bis zu seinem Tod nie ganz lösen. Jan Drees hat es im Deutschlandfunk auf den Punkt gebracht, wenn er sagt, dass das Buch den Krieg auf eine völlig neue Weise greifbar macht – nämlich nicht durch Schlachtengetümmel an der Front, sondern durch dessen verheerenden, psychischen Widerschein im Alltag derer, die vermeintlich verschont geblieben sind.


Im ersten Licht werden nicht nur Deserteure füsiliert und Soldaten springen zum Sturm aus ihren Schützengräben. Im ersten Licht ist jetzt auch ein Roman, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts uns als Mahnung in die Gegenwart holt. Ein großartiger Roman, in dem ich mich voll und ganz verloren habe: 10 von 10 Kavallerien.   

 
 
 

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