Durchgelesen und einen frischen Klassiker entrdeckt - Teil 218
- berndhinrichs
- 5. Apr.
- 2 Min. Lesezeit

Es ist ein ungewöhnlicher, aber mutiger Ansatz: Zum 100. Geburtstag von Siegfried Lenz erscheint keine weitere klassische Biografie, sondern ein Comic. „Siehst du es? – Grafische Erzählungen über den Schriftsteller Siegfried Lenz“ versammelt 19 Episoden, gezeichnet von Studierenden der HAW Hamburg. Das Projekt, intensiv begleitet von der Siegfried Lenz Stiftung, will den großen Nachkriegsautor nicht als unnahbares Denkmal, sondern als vielschichtige Figur im Spannungsfeld seiner Zeit zeigen. Ein Vorhaben, das überraschend gut gelingt.
Ein Mosaik statt einer geraden Linie
Wer eine chronologisch erzählte Lebensgeschichte erwartet, wird überrascht sein. Der Band funktioniert wie ein Mosaik. Jede der 19 grafischen Kurzgeschichten beleuchtet einen anderen Aspekt: die Kindheit in Masuren, die prägende Erfahrung des Krieges, politische Debatten mit Helmut Schmidt oder die langjährige Freundschaft und Auseinandersetzung mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Gerade diese Zersplitterung erweist sich als Stärke. Sie zwingt uns, Lenz immer wieder neu zu betrachten und die Verbindungen zwischen Leben und Werk selbst zu knüpfen. Die stilistische Vielfalt der einzelnen Zeichnerinnen und Zeichner unterstützt diesen Ansatz – jeder Blick auf Lenz ist ein anderer, mal verspielt, mal düster, mal fast dokumentarisch.
Mehr als nur die „Deutschstunde“
Besonders eindrücklich sind die Momente, in denen das Visuelle die Erzählung trägt. Die masurische Seenlandschaft, in der Lenz „schwimmen vor dem Lesen lernte“, wird ebenso lebendig wie die beklemmende Stille der Kriegsjahre. Der Comic zeigt einen jungen Mann, der desertiert, sich in der Nachkriegszeit durchschlägt und seinen Weg als Schriftsteller erst finden muss. Er spart auch kritische Themen wie die Verstrickung in die Ideologie der Zeit nicht aus und macht Ambivalenzen sichtbar, ohne sie zu glätten. So entsteht ein Porträt, das weit über den Autor der berühmten „Deutschstunde“ hinausgeht.
Ein Einstieg, der neugierig macht
„Siehst du es?“ ist kein Ersatz für die Lektüre der Romane – und will es auch gar nicht sein. Der Band ist vielmehr eine Einladung. Er bietet einen niedrigschwelligen, visuell ansprechenden Zugang zu einem Autor, dessen Werk für manche vielleicht eine Hürde darstellt. Indem er den Menschen Siegfried Lenz mit seinen Zweifeln, seinen Freundschaften und seinen politischen Einmischungen greifbar macht, weckt der Comic Neugier. Er zeigt, dass dieser Autor auch heute noch relevant ist und es sich lohnt, ihn (neu) zu entdecken. Ein gelungenes Experiment, das beweist, dass große Literatur und grafisches Erzählen sich nicht ausschließen, sondern wunderbar ergänzen können.
10 von 10 Badeanstalten.



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