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Durchgelesen und Geisteswissenschaft gefeiert – Teil 219

  • berndhinrichs
  • 12. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Bücher, die man liest, und es gibt Bücher, bei denen man sich beim Lesen immer wieder dabei ertappt, über etwas ganz anderes nachzudenken. Während ich Was wir wissen können von Ian McEwan las, fragte ich mich mehr als einmal: Was wird eigentlich von unserer Literatur übrigbleiben, wenn einmal wirklich alles aus den Fugen gerät? Werden Menschen noch Gedichte lesen, wenn Kriege und Klimakatastrophen die Welt verändert haben? McEwan entwirft genau eine solche Zukunft – und lässt ausgerechnet einen Literaturwissenschaftler darin nach einem verschollenen Gedicht suchen.


Was wir wissen können spielt auf zwei Zeitebenen: 2119 und die Gegenwart. In einer dystopischen Zukunft ist die Welt durch Klimakatastrophen und Kriege stark verändert; Europa ist zu einer Insellandschaft geworden und Great Britain ist ein Archipel. Der Plot dreht sich um den Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe, der sich besessen auf die Suche nach einem verschollenen Gedicht begibt. Dieses Gedicht, "Sonettenkranz für Vivien", wurde 2014 von dem Dichter Francis Blundy für seine Frau Vivien geschrieben und nur ein einziges Mal vorgetragen, bevor es spurlos verschwand. Thomas versucht, die Ereignisse rund um dieses legendäre Gedicht zu rekonstruieren und stößt dabei auf eine geheime Liebe und ein Verbrechen. In der zweiten Zeitebene, die die hintere Hälfte des Romans einnimmt und aus der Sicht von Vivien erzählt wird, nimmt McEwan den Leser mit zu Francis und ihr. Wir erfahren und erleben Ihre Liebe und wie sie sich wandelt, bis hin zu den dramatischen Ereignissen, die ihre Leben für immer verändern sollen.


McEwan selbst beschreibt das Werk als Science-Fiction "ohne die Wissenschaft". Und das trifft es auf den Punkt. Der Roman sollte zur Pflichtlektüre für alle Geisteswissenschaftler werden. Der Autor zeigt, dass die Beschäftigung mit Texten, mit Kunst und Kultur etwas ist, dass Bestand haben wird, solange es Menschen gibt. Auf der anderen Seite entwirft er ein katastrophales Bild der Kunstschaffenden: Egozentrisch, egoistisch, rücksichtslos, rückwärtsgewandt – so stellt der Autor den Dichter Francis Blundy dar. Ich erinnerte mich dabei immer wieder an die ernüchternden, menschlichen Beschreibungen der Intellektuellen bei Florian Illies. Der Sockel, auf den wir unsere Literaturschaffenden Götter stellen, entbehrt zumindest menschlich oft genug jeder Grundlage. Auch das zeigt McEwan in seinem Roman.


Dennoch hebt die Bedeutung von Literatur und Poesie hervor und es war für mich tröstlich zu lesen, dass es vermutlich auch nach den größten Menschheitskatastrophen, Zeiten in denen Warlords über das Gebiet der Vereinigten Staaten herrschen und Reisen zwischen den Inseln des einstigen Europas als zu gefährlich gelten, sich immer noch Menschen mit Literatur beschäftigen.


Es ist dem Können von McEwan zuzuschreiben, dass die beiden Teile des Romans einen komplett anderen Duktus haben. Hier schreibt der Literaturwissenschaftler des Jahres 2119 rückblickend über einen großen Lyriker, da schreibt seine Frau unmittelbar und direkt betroffen. Zwei Sichtweisen, zwei Schreibstile, zwei Erzählweisen – vom Autoren grandios umgesetzt.


Mir persönlich gefiel der zweite Teil etwas besser. Er wirkte lebendiger, nahbarer. Das mag aber auch daran liegen, dass die Zeit, in der er spielt, meinem eigenen Erfahrungshorizont entspringt. Aber egal, ob in der Zukunft oder in der Gegenwart: Die Sprache McEwans ist ein Genuss. Nichts für den schnellen Genuss. Er zelebriert die Gedanken, lässt sie wie eine Blase langsam im Innern seiner Protagonisten aufsteigen, schaut schau, wie sie größer werden und wachsen. Klar, dass bei dieser Erzählweise der innere und nicht der äußere Monolog überwiegen. Das macht auch die Protagonisten so stark. Wir bekommen ihre Empfindungen und ihre Gedanken mehr mit, als das was sie sagen.


Ich habe die wundervolle Ausgabe der Büchergilde Gutenberg gelesen. Wie immer ein Gewinn: 9 von 10 Botaniker.

 
 
 

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