
„Ich gehe nur mal kurz raus und könnte etwas länger brauchen“. Mit diesem Satz verabschiedete sich der kranke Lawrence Oates von seinen Kameraden in den Freitod. Gemeinsam waren sie aufgebrochen mit Robert Scott als erste Menschen den Südpol zu erreichen. Das Vorhaben misslang - Roald Amundsen schlug Scott um wenige Tage. Der Rückweg endet für die enttäuschten Engländer dramatisch. Aus Scotts Expeditionsteam überlebt keiner den beschwerlichen Rückweg. Es sind Helden wie Oates, durch die die beiden Polarregionen für mich eine ganz besondere Faszination ausstrahlen. Ein Roman über den Polarforscher Robert Peary muss deshalb sofort mein Interesse wecken. Hundert Worte für Schnee heißt der neue Roman von Franzobel, der uns in die Eiswüste Grönlands und weiter entführt.
Hundert Worte für Schnee begleitet den Forscher Peary auf seinen gefährlichen Expeditionen zum Nordpol. Die Reise bringt ihn und seine Mannschaft an ihre Grenzen und führt sie in Kontakt mit den Inughuit. Peary nimmt sechs Mitglieder der Inughuit-Gemeinschaft mit in die USA, doch nur zwei von ihnen überleben. Im Mittelpunkt steht Minik, ein junger Inughuit, der nach seiner Ankunft in den USA von Peary für wissenschaftliche Zwecke missbraucht wird. Sein Schicksal wird zum Symbol für die unmenschlichen Aspekte der Expedition.
Der österreichische Autor Franzobel legt wieder einen historischen Roman vor. Nach Das Floß der Medusa (2017) und Die Eroberung Amerikas (2021) sein drittes Werk, dass ich von ihm gelesen habe. Wie schon bei den Vorgängern sind seine Fakten gedeckt und der Leser erfährt eine Menge über Polarexpeditionen, die Herausforderungen die selbige mit sich bringen und über den unerbittlichen Imperialismus. Bei aller historisch-belegten Detailtreue gelingt es Franzobel in seiner Sprache so viele groteske Momente heraufzubeschwören, dass der Leser schnell spürt: Hier wird nicht Geschichte nacherzählt, hier entsteht etwas ganz Neues.
Die Stärke des Buches liegt in den Charakterisierungen. Josephine, seine Frau, oder auch Matt Henson, sein afro-amerikanischer Begleiter – für mich die wahren Helden des Romans. Über letzteres gab es übrigens eine wirklich packende Graphic Novel im Avant Verlag: Packeis von Simon Schwartz. Begeistert hat mich aber vor allem Josephine. Ihr Wunsch nach sexueller Aufmerksamkeit, ihre Eifersucht bei der Affäre ihres Mannes mit einer Inughuit – alles mit viel Einfühlungsvermögen aus ihrer Sicht beschrieben. Ganz klar die starken Seiten des Romans.
Ein Stilmittel für den Autor ist die wörtliche Rede der handelnden Personen, wie sie gesprochen haben: Peary rollt das „R“, der Arzt Cook spricht mit Akzent. Das schafft zwar Authentizität, verschleppt aber den Lesefluss. Und dieser Fluss ist ohnehin kein schnell fließendes Gewässer mit Stromschnellen und Aufwirbelungen, sondern ein träge mäandernder Strom. Franzobel lässt sich viel Zeit beim Auffächern seines Plots – zu viel Zeit. Bevor ich mich wirklich richtig auf die Reise machen konnte mit Peary zum Pol – falls er ihn denn nun erreicht hat – und zurück nach Hause, war ich schon wieder raus. Ich bin mit großem Enthusiasmus auf die Reise gegangen, aber Seite für Seite, Absatz für Absatz, und Satz für Satz schmolz mein Interesse dahin, wie Grönlands Gletscher in Zeiten des Klimawandels.
Abzüglich der Schwächen komme ich auf sechs von zehn Schneestürmen.
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