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Durchgelesen und zum Salon-Tiger geworden – Teil 169

berndhinrichs



Wer kennt sie nicht, die Menschen, die einem auf Partys auf den Nerv gehen mit ihrem Wissen zu Malerei, Architektur, Oper, Theater, Musik und Literatur – kurz: Kunst. Kaum entspinnt sich ein Gespräch, schon läuft der Wettkampf, wer mehr Ahnung von kulturellen Fragen hat. Hier wäre es jetzt angebracht, wenn jeder Streit durch ein Bombardement mit kuriosen Fakten aus Kunst und Kultur im Keim erstickt werden könnte. Einen ganzen Strauß unnützes Wissen liefert Florian Illies mit seinem Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts.


Bisher hat Illies drei Anekdotensammlungen zu spannenden Zeiten für Künstler herausgebracht. Als letztes erschien von Im Zauber der Stille – Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten. Bereits davor hat er mit für viel Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929–1939 Aufsehen gesorgt. Den Anfang machte der Journalist und Kurator aber mit seinem Band über das Jahr 1913. In diesem Buch blickt er auf das letzte Jahr vor dem 1. Weltkrieg, schildert Lebensläufe, Begegnungen, Liebe, Hass – das Leben. Dabei blickt er immer auf einen Künstler – mal mit nur einem Satz oder auch über zwei oder drei Seiten – lässt uns teilhaben an einem Ereignis, geht dann über zum nächsten und bewegt sich so in einem Personenkreis immer hin und her. Strikt chronologisch ist das Buch unterteilt in die zwölf Monate.


Im Gegensatz zu seinem Buch Liebe in Zeiten des Hasses liegt der Fokus in 1913 mehr auf der bildende Kunst. Emil Nolde und die anderen prägenden Künstler der Brücke oder Architekten wie Walter Gropius. Wer mit Malerei gar nichts anfangen kann, wird sich nur sehr mühsam durch die Passagen lesen können. Ein besonderes Augenmerk hat Illies dabei auf die toxische Beziehung zwischen Alma Mahler und Oskar Kokoschka gelegt. Immer wieder blickt er in den kurzen Episoden auf den Verlauf dieser Liebe. Kokoschka ist völlig besessen von Gustav Mahlers Witwe, die erst im Laufe der Monate des Jahres merkt, auf wen sie sich da eingelassen hat. Und Kokoschka? Ist einfach nur abhängig von seiner Alma, da er nur noch malen kann, wenn er abends vorher mit ihr geschlafen hat. So ganz verzichtet Illies auf Literaten aber nicht. Wir lernen viel über Kafka und seine Felice Bauer, leiden mit Rilke und planen gemeinsam mit Ernst Jünger die Eroberung des afrikanischen Kontinents.


Wie bei allen Büchern von Illies bin ich sprachlos angesichts der vielen spannenden Details, die er zutage fördert. Es muss eine ungeheure Recherchearbeit im Vorfeld erledigt worden sein, die dem Autor sehr offensichtlich viel Spaß gemacht hat – das zumindest springt dem Leser aus jedem Satz entgegen. Und wie immer erweist es sich als hilfreich, beim Lesen das Mobiltelefon oder einen anderen Internetzugang zur Hand zu haben, denn oft habe ich nach einem Stichwort von Illies mehr wissen wollen. Dabei ist es der saloppe Stil von Illies der dem Buch die Schwere nimmt und ihm Leichtigkeit gibt. Es macht großen Spaß seinen Ausführungen zu folgen. Denn nicht jedes Leiden, nicht jedes Zwacken und Zwicken der Künstler nimmt er ernst. Er schaut auf sie mit dem ironischen Blick des Journalisten und einem Abstand von nun über 110 Jahren.


Ich gebe 9 von 10 Mona Lisas.

 
 
 

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