Durchgelesen und zum Heimkehrer geworden – Teil 170
- berndhinrichs
- vor 3 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Während meiner Abiturzeit bin ich meinem Literatur-Leistungskurs ziemlich auf die Nerven gegangen. Egal, über wen wir gerade sprachen – von Goethe bis Ulrich Plenzdorf – ständig habe ich Parallelen zu Wolfgang Borchert und seinem Werk gesucht. Das führte schließlich dazu, dass ich auf unserem Abiturball den „Wolfgang-Borchert-Preis“ verliehen bekam. Die Erinnerung daran ist immer noch sehr lebendig. Und das Werk des Poeten – hat es die Zeit ebenfalls überdauert?
Wer sich mit einem der wichtigsten Vertreter der sogenannten Trümmerliteratur beschäftigen will, kann sein Gesamtwerk in einem Band erstehen. Denn Borchert wurde nur 26 Jahre alt. Sein Werk umfasst mit Draußen vor der Tür ein Theaterstück, Gedichte und kurze Erzählungen. Borcherts Texte drehen sich um die Folgen des Krieges, um Kriegsheimkehrer, Hoffnungslosigkeit und das Leben kurz nach dem Krieg.
Borchert, in Hamburg geboren, begann früh, Gedichte und Prosatexte zu schreiben. Seine kurze, aber prägende Karriere wurde durch seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und seine Krankheit geprägt. Als Soldat an der Ostfront erlitt er schwere Verletzungen und geriet kurzzeitig in Kriegsgefangenschaft. Seine pazifistischen Ansichten brachten ihn mehrmals ins Gefängnis. Borchert starb an den Folgen einer Lebererkrankung.
Mit seinen Texten wurde er zum Sprachrohr seiner Generation. In seiner Erzählung Gespräch über den Dächern brachte er sein Gedanken und die seiner Generation auf den Punkt: „Wir halten das aus. Wie findest Du das, wie? Wir halten das aus. Wir lachen. Ausgeliefert den Bestien in uns und um uns, lachen wir.“ Selten wurde das Leid der Kriegsgeneration, Frauen wie Männer, besser eingefangen als bei ihm. Neben seinem bekanntesten Werk, das Theaterstück Draußen vor der Tür, geschrieben kurz vor seinem Tod, dass die traumatischen Erfahrungen heimkehrender Soldaten thematisiert, sind es seine beiden Erzählungen Nachts schlafen die Ratten doch und Hundeblume, die auf den Lehrplänen für Deutsch stehen.
Borchert hat auch heute noch eine ungebrochene Bedeutung, denn seine Werke sprechen universelle Themen an, die über die Zeit hinaus Gültigkeit haben. Seine eindringlichen Erzählungen und das Drama Draußen vor der Tür beleuchten die zerstörerischen Auswirkungen von Krieg und Gewalt auf den Einzelnen und die Gesellschaft – Themen, die gerade in der heutigen Welt, in der Konflikte und Flüchtlingsbewegungen allgegenwärtig sind, erschreckend aktuell bleiben. Borchert war einer der Ersten, der die Sprachlosigkeit und die inneren Narben einer ganzen Generation nach dem Zweiten Weltkrieg literarisch aufarbeitete. Sein Werk mahnt und erinnert uns daran, wie zerbrechlich Frieden und Menschlichkeit sind.
Wer sich in sein Gesamtwerk vertieft, wird es schwer haben, die Erzählungen an einem Stück zu lesen. Zu dunkel sein Ton, zu hoffnungslos sein Schreiben. Aber Borchert zählt noch immer zu den spannendsten Literaten, die es im deutschsprachigen Raum nach 1945 gegeben hat. Ich gebe 10/10 Brote.
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