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Durchgelesen und in Ästhetik gelebt – Teil 216

  • berndhinrichs
  • vor 28 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit

Eine große Lücke auf meiner Literaturliste ist Ernst Jünger. Laut Deutschlandfunk Kultur war er in der Weimarer Republik ein führender Vertreter des radikalen Nationalismus. Er propagierte einen antidemokratischen, militaristischen „neuen Nationalismus“ und verachtete die Weimarer Republik. Später distanzierte er sich vom Nationalsozialismus und gilt heute als umstrittener, vielschichtiger Autor. Sein bekanntestes Werk In Stahlgewittern liegt noch auf dem Nachttisch. Beginnen wollte ich mit Auf den Marmorklippen, eine kurze Erzählung, die 1939 erschien.


Der Roman wird aus der Ich-Perspektive erzählt. Der Erzähler lebt mit seinem Bruder Otho als Gelehrter und Botaniker auf den sogenannten Marmorklippen – einer erhöht gelegenen, kultivierten Landschaft mit Blick auf die umliegende Region Marina. Die Brüder haben sich aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben zurückgezogen und widmen sich Studien, Beobachtungen und der Pflege eines geistigen Lebens. Im Tiefland erstarkt unterdessen die Macht des sogenannten Oberförsters. Er herrscht über die Wälder und sammelt um sich eine gewalttätige Gefolgschaft. Sein Einflussbereich dehnt sich zunehmend aus, begleitet von Einschüchterung, Terror und der Zerstörung gewachsener Ordnung. Die Brüder beobachten die politischen Veränderungen zunächst mit Distanz. Doch die Gewalt des Oberförsters erreicht schließlich auch die Marmorklippen. Am Ende wird auch das Haus der Brüder niedergebrannt. Sie verlassen ihre bisherige Lebenswelt und begeben sich in eine ungewisse Zukunft.


Ernst Jüngers Erzählung „Auf den Marmorklippen“ erschien unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Das Werk gilt als eines der bedeutendsten Dokumente der sogenannten Inneren Emigration und wird oft als allegorische Auseinandersetzung mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der Zerstörung der Zivilisation durch Tyrannei gedeutet. Die Parallelen zu dem ihn umgebenden dunkelsten Zeitalter deutscher Geschichte sind mehr als deutlich: die Übergriffe, die Rechtlosigkeit und die Brutalität sprechen eine deutliche Sprache. Der emigrierte Schriftsteller Hermann Broch beschrieb den Text als eine „Heldentat“. Zweifellos ist er eine unmissverständliche Anklageschrift.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, wie ein so offensichtlicher Text durch die Zensur der Reichsschrifttumskammer gelangen konnte. Ich denke, dass es im Wesentlichen daran lag, dass die Zensoren bei Jünger sanft eingenickt sind. Sein Text mag eine Heldentat sein, aber er ist so übermäßig ästhetisch, so künstlich intellektuell, dass es schwer fällt ihn zu genießen. Die Bedeutung der Erzählung beruht einzig und alleine auf seiner Funktion als Zeitdokument – und auch da gibt es bessere. Literarisch halte ich ihn für völlig verfehlt.


Jünger, dessen Schaffen immer wieder auch als Wegbereiter des Nationalsozialismus gesehen wird, flüchtet sich hier in einen überbohrenden Ästhetizismus. Ich habe mich durch die knapp 140 Seiten gelesen – ohne Freude. Ich gebe fünf von zehn Erios.

 
 
 

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