Durchgelesen und Indien entdeckt – Teil 207
- berndhinrichs
- vor 51 Minuten
- 2 Min. Lesezeit

Eine Kindheitserinnerung und ein lange gesuchtes Buch
Durch meine Kindheit begleitete mich das Europa-Hörspiel Der Stahlelefant. Eine Abenteuergeschichte von Jules Verne, die unter dem Titel Das Dampfhaus auch als Buch erschien. Leider habe ich nie eine schöne Ausgabe gefunden, denn der Band, der 1881 in der Reihe Bekannte und unbekannte Welten im A. Hartleben´s Verlag erschienen ist, wurde in den Antiquariaten zu horrenden Preisen angeboten. Durch Zufall stieß ich auf ein sehr gut erhaltenes Schnäppchen, mit dem ich meine Jules Verne-Sammlung weiter ausbauen konnte.
Abenteuerroman im kolonialen Indien
In Das Dampfhaus verlegt Jules Verne das klassische Abenteuerformat in das koloniale Indien des 19. Jahrhunderts – und kombiniert es mit einer seiner typischen technischen Fantasien. Eine kleine europäische Gesellschaft durchquert den Subkontinent in einem dampfbetriebenen, mechanischen Elefanten, der zugleich Transportmittel und Symbol des Fortschritts ist. Was zunächst wie eine exotische Reiseerzählung beginnt, verdichtet sich zunehmend zu einer gefährlichen Expedition durch politisch aufgeladenes Terrain: Erinnerungen an den indischen Sepoy-Aufstand von 1857 und das Motiv der Rache treten in den Vordergrund. Dabei reichert Verne seine Erzählung mit vielen historischen Details an, blickt auf die Natur und schildert die Städte Indiens, die der Elefant bereist.
Jules Verne und sein zeitgenössisches Publikum
Wer sich mit der Biografie Jules Vernes beschäftigt, der weiß, dass seine Romane bei ihrem Erscheinen nicht primär Jugendliteratur waren, sondern als populärwissenschaftliche Abenteuerromane für ein breites Publikum konzipiert waren. Sie erschienen im Rahmen der Reihe Voyages extraordinaires (eben jene Reihe, die auf Deutsch bei A. Hartleben als Bekannte und unbekannte Welten vorliegt), die Erwachsene ebenso ansprach wie jüngere Leser – vor allem gebildete bürgerliche Familien. Verne selbst schrieb weder „vereinfachend“ noch pädagogisch im heutigen Sinn; seine Texte setzen technisches Interesse, Geduld und ein gewisses Maß an Bildung voraus.
Vom Abenteuerroman zum „Jugendbuch“
Dass Verne heute oft als Jugendbuchautor gilt, ist eine nachträgliche Zuschreibung. Vor allem den späteren Kürzungen und Bearbeitungen für junge Leser, den Schul- und Kinderbuchausgaben im 20. Jahrhundert sowie der Reduktion auf das Abenteuerelement, während politische, koloniale und ideologische Aspekte ausgeblendet wurden. Zeitgenössisch gelesen waren Vernes Romane eher das, was man heute „All-Age-Literatur“ nennen würde: zugänglich, spannend, aber nicht speziell für Jugendliche geschrieben – und mit Themen und Weltbildern, die sich erst im Rückblick als problematisch oder erklärungsbedürftig zeigen.
Der Sepoy-Aufstand und Vernes Haltung
Das Dampfhaus bildet da keine Ausnahme. Wobei ich die differenzierte Darstellung des Sepoy-Aufstandes bemerkenswert fand – bemerkenswert für die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde. Verne enthält sich einer Wertung der Grausamkeiten, die von beiden Seiten begangen wurden. Vielleicht spiegelt sich darin eine innere Verbundenheit mit dem indischen Volk und ihrem Freiheitskampf wider – vergessen wir nicht, auch sein Kapitän Nemo war Inder. Eine Verbundenheit, die ihm als Franzose sicherlich leichtgefallen sein dürfte, ohne ihm nationalistische Ressentiment vorwerfen zu wollen.
Eine hochwertige Ausgabe und ein persönliches Fazit
Die Ausgabe des Buches in der Reihe Bekannte und unbekannte Welten – von der in den 1990er-Jahren einige Bände beim Deutschen Bücherbund als Reprint herauskamen, ist erstklassig. Man sieht ihr die rund 145 Jahre nicht an und sie ist einfach schön. Der Roman hat aufgrund der vielen ausführlichen Schilderungen zwar auch seine Längen, aber ich gebe acht von zehn Tigern.



Kommentare