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Durchgelesen und meine Heimatstadt entdeckt - Teil 208

  • berndhinrichs
  • 11. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit


Es gibt diese Bücher, die einfach da sind. Sie stehen in Regalen, die man seit der Kindheit kennt, ohne dass man genau sagen könnte, wann oder warum sie dorthin gekommen sind. Goethe, Schiller, vielleicht ein paar Romantiker – Namen, die auch in Haushalten auftauchen, in denen sonst kaum gelesen wird. In Norddeutschland gehört Theodor Storm oft ganz selbstverständlich dazu, neben Gorch Fock oder anderen vertrauten Klassikern. Wer also bei der Durchsicht der elterlichen Bücherwand oder bei einem erklärten Nichtleser auf eine Storm-Ausgabe stößt, sollte einen Blick auf die kurze Novelle Auf der Universität werfen. Dass der Text in Kiel spielt, machte ihn für mich zur Pflichtlektüre.


Eine tragische Geschichte im Kiel des 19. Jahrhunderts

Auf der Universität ist aus dem Jahr 1862. Die Novelle erzählt die tragische Lebensgeschichte von Lore Beauregard, die Tochter eines Flickschneiders französischer Herkunft, und spielt in Kiel im 19. Jahrhundert. Die Geschichte wird aus der Sicht des Ich-Erzählers Philipp geschildert, der zunächst als Schuljunge in der kleinen Stadt auftritt und später als Jurastudent an eine Universität zurückkehrt. Zu Beginn wird Lore von Philipp und seinem Freund Fritz eingeladen, an einem Tanzkurs teilzunehmen – eine Gelegenheit, in die bürgerliche Gesellschaft hineinzuwachsen.


Verpasste Chancen und zerstörte Hoffnungen

Nach einem Zeitsprung trifft der nun studierende Philipp Lore Jahre später wieder. Er erfährt, dass sie nach dem Tod ihrer Eltern in schwierigen sozialen Verhältnissen lebt. Sein ehemaliger Freund Christoph möchte Lore heiraten. Allerdings muss Christoph kurzfristig nach Heidelberg und lässt seine Verlobte zurück. Lore ist von einem reichen, aber gewissenlosen Studenten, dem sogenannten „Rauhgrafen“, umworben worden und hat sich schließlich auf eine Beziehung mit ihm eingelassen, nachdem sie gehört hatte, dass Christoph in der Ferne eine andere Frau geheiratet hat. Aus Sehnsucht und Verzweiflung stürzt sich Lore in das Nachleben.


Ein Ende ohne Ausweg

Als Philipp sie eines Tages wiederseiht, ist sie am Boden zerstört. Sie hat erfahren, dass Christoph gar nicht geheiratet hat. Aus Scham und Verzweiflung wählt sie den Freitod in der Förde.


Poetischer Realismus mit gesellschaftlichem Blick

Storm ist Autor des poetischen Realismus. Seine Texte sind nicht nur angenehme Begleiter des Bildungsbürgertums. Er möchte den Leser nicht nur in einer wohltuenden Hängematte wissen. Er möchte ihn aufmerksam machen auf gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände. Dafür versieht er seine Geschichten mit einer psychologischen Tiefe. Beispiel Lore: Hinter ihrer Geschichte verbirgt sich viel mehr als die Bilanz einer enttäuschten Liebe. Sie will aus ihrem Milieu fliehen. Ihr Sinn steht nach Kunst und Kultur. Aber Chancengleichheit war nicht gegeben.


Storm und Dickens – eine literarische Nähe

Storm erinnert mich in der tiefe seiner Bilder, in seiner Sprache und in seinen sozialkritischen Äußerungen ein bisschen an Charles Dickens, der ebenfalls als Realist in die Literaturgeschichte eingegangen ist.


Ein Blick ins Regal lohnt sich

Also beim nächsten Mal wenn die Augen eher gelangweilt über die häusliche Bibliothek eines Nichtlesers wandern, Ausschau halten nach Storm. Denn die kurze – in meiner Ausgabe rund 70 Seiten lange – Novelle Auf der Universität lohnt sich in jedem Fall. Ich gebe acht von zehn Mazurkas.

 
 
 

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