top of page

Durchgelesen und Weltliteratur entdeckt – Teil 206

  • berndhinrichs
  • 21. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit


Was macht Weltliteratur aus?

Wodurch zeichnet sich Weltliteratur aus. Eine spannende Frage, die ich gerne mal diskutieren würde mit Euch. Für mich ein Gradmesser ist eine Bemerkung, die ich von einem Bekannten zu Moby Dick gehört habe, als ich ihm gestand, dass ich den Roman das erste Mal lesen würde. Er sagte: Ich beneide Dich darum, dass Du es zum ersten Mal lesen darfst. Was für ein Kompliment. Und was für ein genialer Gradmesser für Weltliteratur. Der Roman Lolita von Vladimir Nabokov ist für mich auch Weltliteratur.


Ein verstörender Stoff

„Lolita“ erzählt die Geschichte des europäisch gebildeten Humbert Humbert, der rückblickend von seiner obsessiven Fixierung auf die zwölfjährige Dolores Haze berichtet, die er selbst „Lolita“ nennt. Nach der Heirat mit ihrer Mutter verschafft er sich Zugang zu dem Mädchen und beginnt eine jahrelange Reise durch die USA, geprägt von Manipulation, Kontrolle und Selbstrechtfertigung. Der Roman ist konsequent aus Humberts Perspektive geschrieben und zwingt die Lesenden, sich mit der Perversität des Erzählers auseinanderzusetzen. Vladimir Nabokov verbindet sprachliche Virtuosität mit einem zutiefst verstörenden Inhalt – nicht, um ihn zu rechtfertigen, sondern um die Mechanismen von Verblendung und Selbsttäuschung offenzulegen.


Sprachliche Brillanz und moralische Zumutung

Nabokovs Roman ist einer der außergewöhnlichsten Texte, die ich je gelesen habe. Schon der erste Absatz entfaltet eine sprachliche Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann: Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden … – ein Einstieg von hypnotischer Präzision. Gerade diese stilistische Brillanz steht in einem kaum aufzulösenden Spannungsverhältnis zur Thematik. Inhaltlich ist Lolita mitunter schwer auszuhalten, nicht wegen expliziter Szenen, sondern weil der Roman die Lesenden zwingt, der Selbstrechtfertigung eines zutiefst abartigen Erzählers zu folgen.


Der unzuverlässige Erzähler

Denn Humbert ist krank, ist pädophil. Nabokov, der über seinen Roman sagte, dass er ihn geschrieben habe, weil er eine Liebeserklärung an die englische Sprache verfassen wollte, lässt uns teilhaben an den Glückgefühlen, an der Eifersucht, an der Qual und an der Krankheit Humberts. Der Autor wertet nicht, sondern lässt Humbert – bis auf eine kurze Einleitung – unkommentiert zu Wort kommen. Wir erleben, wie der Protagonist sich immer weiter verstrickt in seine Paranoia. Gerade diese Konstruktion macht die Lektüre stellenweise schwer auszuhalten. Nabokovs literarische Brillanz verführt – und entlarvt sich zugleich selbst.


Obsession als universelles Motiv

Beim Lesen von Lolita habe ich mich gefragt, wie der Roman wirken würde, wenn ich nicht wüsste, dass Lolita 12 ist. Oder wenn sie von Anfang an eine erwachsene Frau gewesen wäre – würde der Text nicht mehr funktionieren? Doch, das würde er. Denn der Roman ist auch die Geschichte einer Obession. Bei allem, was Humbert schildert, dürfen wir nie vergessen, dass wir das aus seinen Augen sehen. Er ist kein vertrauenswürdiger Erzähler. Seine Eifersucht frisst ihn auf, seine Obsession wird zur Psychose. Er ist besessen von dem Mädchen, so wie er unter anderen Umständen auch von jeder anderen Frau besessen wäre.


Ein unbequemer Klassiker

Lolita ist kein angenehmes Buch, aber ein außergewöhnliches: ein Roman, der zeigt, wie Sprache verführen kann und wie notwendig es ist, ihr nicht blind zu folgen. Und um die Eingangsfrage zu beantworten: Lolita ist Weltliteratur und ich beneide all jene, die den Roman noch nicht gelesen habe. Sie haben dieses unglaubliche Erlebnis noch vor sich. Leider kann ich nur eine zehn von zehn Nymphchen geben – Lolita hätte weitaus mehr verdient.

 
 
 

Kommentare


bottom of page